Stefan Aigner: „Traumtänzerei? Vielleicht. Aber: Es funktioniert!“

"Unbequeme Fragen stellen und Debatten ermöglichen." Seit drei Jahren betreibt Stefan Aigner regensburg-digital.de.

Wie ich da hinein geraten bin? Warum ich das mache? Was das alles soll?

Seit drei Jahren bin ich Hauptverantwortlicher für die Seite regensburg-digital.de. Und in letzter Zeit wurden mir solche oder ähnliche Fragen immer öfter gestellt. Dann werde ich sie wohl mal beantworten müssen.

Vorgeschichte

Vor sechs Jahren habe ich nach diversen beruflichen Seitensprüngen und einem Studium begonnen, als Journalist in Regensburg zu arbeiten. Zwei Jahre Wochenzeitung, ein Jahr Bürgerzeitungsprojekt und nun seit drei Jahren Freelancer/ freier Journalist/ Blogger – wie auch immer man es nennen will. Fast genau so lange gibt es regensburg-digital.

Das Blog

Wo am Anfang vielleicht 400 Leserinnen und Leser täglich standen, eine eher bescheidene Resonanz und 0 Euro an Verdienst, gibt es heute eine Seite, die aktuell 100.000 Mal im Monat gelesen wird (laut Piwik). Ein 150 Mitglieder starker Förderverein sorgt für (noch) bescheidene, aber stetig wachsende Einkünfte. Es gibt einen Kreis an tatkräftigen Unterstützern, die Themen journalistisch bearbeiten, sich um rechtliche oder technische Probleme (Dank an die webevangelisten) kümmern. Ebenso gibt es immer mehr Werbepartner, die es akzeptieren können, bei der Berichterstattung gegebenenfalls selbst in den Fokus von Kritik zu geraten. Die öffentliche Aufmerksamkeit übersteigt phasenweise die Kapazitäten (des Servers, manchmal auch persönlich).

Die Gegner

Nicht erst seitdem habe ich festgestellt, dass unbequeme Wahrheiten oder deutliche Worte auf Gegenwind stoßen. (Erfolglose) Klageandrohungen gab es schon während der Zeit als angestellter Journalist. Dieses Phänomen hat sich im Zuge der Selbständigkeit und der unabhängigen Berichterstattung auf regensburg-digital.de noch etwas verschärft.

Ein Rüstungskonzern (Diehl Nürnberg) will nicht, dass man seine Produkte als das bezeichnet, was sie sind. Ein Möbelriese (XXXLutz) will die Wahrheit über seine Beschäftigungsbedingungen nicht hören. Die Diözese Regensburg bemüht sogar das Landgericht Hamburg, um uns ihre „Wahrheit“ zu ihrem Umgang mit Missbrauchsopfern aufzuzwingen.

Pathologisches

Es ist ärgerlich und manchmal anstrengend, sich mit solchen Angriffen auseinanderzusetzen (allerdings für beide Seiten). Vor allem ist es aber eines: Notwendig, abgesehen davon, dass es motiviert und oft genug Spaß macht. Zumal, wenn man bei solchen Auseinandersetzungen nicht allein steht.

Gerade in Zeiten, in denen finanzkräftige Unternehmen, Promis und Institutionen zunehmend und oft genug erfolgreich versuchen, die Meinungs- und Pressefreiheit mit teuren Unterlassungsklagen einzuschränken, ist es Aufgabe der Medien, die Grenzen dieser Freiheit offen zu halten, immer neu zu erkämpfen, sich gegen ungerechtfertigte Angriffe zur Wehr zu setzen und diese auch öffentlich zu machen.

Journalismus, wie ich ihn verstehe, muss abseits von Schönwetter- und Heipsdideipsdi-Berichterstattung, die unbequemen Dinge aufgreifen, Fragen dazu stellen, kommentieren und Position beziehen.

Die Bühne

Auch und gerade in einer „Boomtown“ wie Regensburg – 130.000 Einwohner, hohes Wachstum, niedrige Arbeitslosenquote und eine wunderschöne Welterbe-Kulisse, die Begehrlichkeiten weckt – muss man eine Blick auf die unbequemen Dinge, die vernachlässigten Themen werfen, nicht nur, aber vor allem in Regensburg.

Wie geht die Boomtown mit den hier lebenden Flüchtlingen um?

Wer verdient hinter der schönen Fassade eigentlich so mit?

Wie steht es um die Arbeitsbedingungen in den vermeintlich so heimeligen Traditionsbetrieben?

Wie sinnvoll ist es, eine erzreaktionäre Kirchenleitung zu hofieren, nur weil die katholische Kirche zu den größten Grund- und Immobilienbesitzern in der Stadt zählt?

Wie laufen Bau- und Planungsvorhaben ab und geht dabei alles immer mit rechten Dingen zu?

Und wie glaubwürdig kann die Berichterstattung einer Tageszeitung (Mittelbayerische Zeitung) mit weitgehender Monopolstellung sein, deren Herausgeber gleichzeitig IHK-Präsident ist?

Solche und ähnliche Fragen greift regensburg-digital.de auf, ermöglicht eine Debatte darüber und bezieht selbst Stellung, abseits der oft zwanghaft „topaktuellen“ Berichterstattung anderer Medien und nicht permanent fixiert darauf, ob ein Thema „Quote“ in Form von schnellen Klicks bringt.

Zu idealistisch? Unrealistisch? Traumtänzerei? Vielleicht. Leidenschaft? Bestimmt. Und: Es funktioniert.

Das zeigt nicht nur der wachsende Zuspruch der Leserinnen und Leser.

Mitte dieses Jahres lässt sich von den Einnahmen aus Förderverein und Werbung voraussichtlich ein Vollzeitjournalist vernünftig bezahlen. Und dann ist das Ziel klar: Die nächste Stelle wird in Angriff genommen.

Die Vision

Und es funktioniert nicht nur hier in Regensburg, sondern auch in anderen Städten und Regionen. Allein schon die ersten Rückmeldungen auf istlokal.de zeigen, dass es immer mehr Journalisten/ Bürgerjournalisten/ Blogger gibt, die mit dem vermeintlichen „Qualitätsjournalismus“ der etablierten Lokalmedien unzufrieden sind und dem etwas entgegensetzen.

Überall mit unterschiedlichen Ansätzen, unterschiedlichen Voraussetzungen, aber häufig mit ähnlichen Problemen. Sich zu vernetzen,  seine Erfahrungen auszutauschen und bei Bedarf zu unterstützen, ist nur eine logische Konsequenz.

Wie gründet und organisiert man einen Förderverein? Was sind die ersten Schritte bei Abmahnungen oder anderen juristischen Szenarien, mit denen man als Journalist früher oder später konfrontiert wird? Wie geht man Themen an, etwa aus den Bereichen Asyl- und Arbeitsrecht, Rüstungsindustrie, Bau- und Planungsabläufe in einer Kommune? Das sind einige Fragen, die ich beantworten kann. Es gibt viele Fragen, die ich habe.

Ein gemeinsames Netzwerk, zumal in einer Struktur, die jedem seine Unabhängigkeit belässt, kann nur Vorteile bringen – allein schon, was die Aufmerksamkeit betrifft, die dem neuen Lokaljournalismus abseits großer Zeitungsverlage auch gebührt. Gemeinsames Marketing wird sich langfristig auch finanziell niederschlagen.

Dieses Projekt ist zum Erfolg verdammt und wer weiß, wohin die Entwicklung geht. Wahrscheinlich wird sich in ein paar Jahren wieder der eine oder andere fragen, wie er da hineingeraten ist. Zu denen will ich auch gehören.