Peter Arnegger: Hyperlokaler Journalismus funktioniert – nicht nur online

Von Peter Arnegger

Am Anfang war der Schock: Eine von zwei in der Stadt und im Umland teils bereits seit mehr als hundert Jahren angesiedelte Zeitung schlie├čt ihre Lokalredaktion.

Um der verbliebenen Tageszeitung die Stadt und das Umland zu ├╝berlassen und sich daf├╝r anderswo breiter zu machen als bisher – wo sich die andere Tageszeitung im gleichen Zuge zur├╝ckgezogen hat. Alles geschah mit dem von der Verlagsleitung f├╝r notwendig erachteten Begleitget├Âse: Maulkorberlass f├╝r die gek├╝ndigten und vertraglich gebundenen Lokalredakteure, Ver├Âffentlichungsstopp f├╝r Leserbriefe und zentrale Zensur des ganzen Lokalteils. Ja, tats├Ąchlich.

Das war 2004, es war in Rottweil. An sich eine kleinb├╝rgerliche Schul- und Beamtenstadt mit 25.000 Einwohnern, obrigkeitsbewusst, wenn nicht -h├Ârig und zuletzt in Reichsstadtzeiten selig auf Protest geb├╝rstet. Dennoch rief die Schlie├čung jener Lokalredaktion den B├╝rgerprotest hervor. Rund 400 Menschen versammelten sich, schwenkten Transparente – eines davon, das sich frech gegen einen Verleger richtete, zeitigte ein juristisches Nachspiel – und machten ihrem ├ärger Luft. Erfolg hatten sie keinen, die Redaktion wurde dicht gemacht.

Wochenzeitung gegen das Meinungsmonopol

Doch einige von den Demonstranten trafen sich anschlie├čend regelm├Ą├čig und h├Ąufig im Nebenzimmer einer ├Ârtlichen Gastst├Ątte. Rauchten, tranken, a├čen und beschlossen ungeheuerliches: eine Zeitung gr├╝nden zu wollen, die Schluss macht mit dem inzwischen herrschenden Meinungsmonopol.

Eine Tageszeitung? Nun, es war bald klar, dass die illustre Gruppe aus Lehrern, Stadtr├Ąten, Freien Journalisten und Interessierten – nicht aus ehemaligen Festangestellten der Lokalredaktion – das nicht w├╝rde packen k├Ânnen. Aber eine Wochenzeitung, die sollte es werden.

Parallel ver├Âffentlichten sie online, weil es schnell geht, weil ein breites Publikum angesprochen werden kann.

Im November 2004 erschien dann die erste NRWZ zum Wochenende, die Neue Rottweiler Zeitung. Herausgegeben von der NRWZ Verlag GmbH & Co. KG. Eine sperrige Rechtsform, es h├Ątte andere gegeben, vielleicht einfacher zu handhabendere.

Bis heute erschien die NRWZ zum Wochenende fast jede Woche – Pausen gab es nur in den h├Ąrtesten Saure-Gurken-Zeiten und dann nur f├╝r maximal 14 Tage. Sie┬áist ein anzeigenfinanziertes Blatt in Haushaltsverteilung – war sie vom Start weg, weil nur so eine f├╝r die Werbetreibenden der Stadt und des Umlands interessante Auflage erreicht werden konnte. Sie ist dabei kein Werbebl├Ąttchen mit knappem redaktionellem Teil zur Kaschierung der transportierten Anzeigen. Sie ist eine kleine, und wie die Macher finden: feine lokale Gratiszeitung. Kritisch und durchaus auch mal eigenwillig.

Schnelle Website

Parallel dazu ist NRWZ online eine kleine, m├Âglichst aktuelle und schnelle Nachrichtenplattform. Eine, deren Serverlast steigt, kurz nachdem irgendwo in der Stadt oder im Umland etwa die Feuerwehrsirene zu h├Âren gewesen ist. Die Leser wissen eben: auf www.NRWZ.de werden sie bald erfahren, wo’s brennt. Und das auch im ├╝bertragenen Sinne – die Website widmet sich w├Âchentlich der Gemeinderats- und Kreistagsarbeit, auch das schnellstm├Âglich, teilweise fast live.

Beides passt perfekt zusammen, finden die Macher, denn NRWZ online nimmt auch all die vielen Pressemitteilungen auf, die in so einer Kleinstadt und von ihrem Umland so t├Ąglich versandt werden. Auch die stehen dann „in der NRWZ“, nehmen ihre Versender und Leser mit Genugtuung zur Kenntnis.

Und sie halten die gedruckte Ausgabe frei. Die widmet sich dann breiterer Berichterstattung zu einzelnen Lokalthemen, fasst bei wochenlangen Debatten – zurzeit ├╝ber die Schlie├čung eines von drei Krankenh├Ąusern im Kreis sowie die Ansiedlung eines Gro├čgef├Ąngnisses mit 500 Insassen auf st├Ądtischem Gebiet – die aktuellen Entwicklungen zusammen, bringt m├Âchlichst dicke und sch├Âne Fotos und versucht auch im Layout und in der Pr├Ąsentation ein klein wenig innovativ zu sein.

Beide – Print und online – machen hyperlokalen Journalismus aus. Es interessiert, wenn vor einem Haus in der Suppengasse ein Blumentrog zerdeppert worden ist – von hyperaktiven Jugendlichen nach einem n├Ąchtlichen, von Eventveranstaltern organisierten Saufgelage. Es interessiert, was der Gemeinderat X wieder f├╝r einen Mist beantragt hat und was Gemeinder├Ątin Y dazu zu sagen hatte. Es interessiert nicht jeder Pups, aber fast jeder.

Dass das funktioniert, zeigt sich in den Anzeigenbuchungen. In guten Wochen mehr als hundert, in schlechteren vielleicht 60. Keine Kleinanzeigen. Fast alle dabei f├╝r die Printausgabe, auf der der Schwerpunkt des Verlags liegt – zu Erinnerung: die Menschen in der Stadt wollten eine zweite Zeitung, die sollte, wie eine Zeitung das jedenfalls 2004 noch zu tun hatte, aus Papier bestehen. Basta.

Deshalb m├Âchte ich allen, die sich online irgendwo im Lokalen profiliert haben, raten, ├╝ber eine gedruckte Begleitung dieses Online-Auftritts nachzudenken. Nat├╝rlich vernichtet sowas Geld, aber es verdient auch welches. Wenn man schaut, dass man dran bleibt an den Menschen in der Stadt und im Umland.