Praxisbeispiel

Live aus dem Gemeinderat

Rhein-Neckar, 27. Juli 2011. Seit einiger Zeit probiert Hardy Prothmann in seinen Blogs die Live-Berichterstattung aus dem Gemeinderat. Mit zunehmender (auch technischer) Routine wird das immer besser. Neben der AktualitĂ€t und dem Service fĂŒr die Leser spart es Zeit. Heute sind beispielsweise fĂŒnf Berichte in Ladenburg wĂ€hrend der Sitzung entstanden.

Von Hardy Prothmann

FĂŒnf Berichte live aus dem Gemeinderat geht nicht? Geht doch, wenn man weiß wie. Die Sitzung des Ladenburger Gemeinderats vom 27. Juli 2011 dauerte von 18:00 Uhr bis etwa 20:30 Uhr. In dieser Zeit wurden diese fĂŒnf Artikel veröffentlicht. SpĂ€ter wurden noch ein paar "Anpassungen" vorgenommen. Siehe Bebauungsplan "Altwasser" - hier wurde auf dem Heimweg noch schnell ein Foto gemacht und spĂ€ter eingefĂŒgt.

Stundenlange Gemeinderatssitzungen kosten stundenlange Zeit. Das ist zwar eine Binse, aber eine, die man als „politischer Berichterstatter“ mindestens einmal im Monat bestĂ€tigt bekommt – eventuell noch öfter, wenn Ausschusssitzungen dazu kommen.

Man kann sich enorm viel Zeit sparen, wenn man sich richtig vorbereitet und die richtige Technik benutzt.

Entscheidend ist eine gute Vorbereitung.

Wer noch keine Erfahrung mit Gemeinderatssitzungen hat, sollte sich ein Jahr Zeit geben, bis er die Prozesse und Begriffe wirklich gelernt hat. Also keine Sorge, wenn anfangs alles sehr viel, unverstĂ€ndlich und kompliziert wirkt. Mit der Zeit kommt auch das VerstĂ€ndnis, wenn man sich fleißig bemĂŒht.

Die (landesspezifische) Gemeindeordnung sollte man sich mal durchgelesen haben – wichtig sind die Kapitel ĂŒber die Sitzungen, die Leitung, die AntrĂ€ge, eben das Prozedere.

Recherche.

Wichtig ist die LektĂŒre der Tagesordnungspunkte VOR der Sitzung. Man hat dann Zeit, sich bei der Verwaltung, bei Kollegen oder anderen zu erkundigen, wenn man etwas nicht verstanden hat oder besser verstehen will oder eine interessante Hintergrundgeschichte vermutet. Sprich: Recherche.

Wer clever ist, schreibt zu jedem TOP bereits eine Nachricht als Zusammenfassung, bereitet diese als Artikel vor, lĂ€dt alles schon ins System. WĂ€hrend oder nach der Sitzung muss das nur noch durch den Verlauf der Sitzung (Diskussion, EinmĂŒtigkeit, Sitzungsunterbrechung etc. – wie es halt zugegangen ist) und mit Zitaten ergĂ€nzt werden – fertig ist der nachrichtliche Bericht.

Wer nicht clever ist, hat nichts gelesen oder vorbereitet, sitzt stundenlang im Gemeinderat, notiert wie blöde, was er teils nicht versteht, kommt ins BĂŒro und liest jetzt nach oder schreibt nur auf, was er/sie gehört hat – ohne wirklich zu verstehen, was dahinter steckt.

Gut vorbereitet ist die Arbeit aktuell erledigt.

Wer live aus dem Gemeinderat berichten will, hat seine Hausaufgaben gemacht, Artikel und Textbausteine vorbereitet, hat ein Notebook dabei, eine möglichst schnelle mobile Verbindung und passt in der Sitzung die vorbereiteten Texte an und veröffentlicht nahezu zeitgleich die gefassten BeschlĂŒsse.

Das ist kein Hexenwerk: Man braucht eine solide journalistische Vorbereitung, sollte schnell tippen können und die geeignete Technik im Einsatz haben.

Viele Entscheidungen in den Gemeinderatssitzungen sind vorbereitet und die MehrheitsverhĂ€ltnisse sind klar. Mal abgesehen von der Debatte, ob das so in Ordnung geht – man kann hier einfach die Arbeit erledigen.

Wenn es heiß hin und her geht, dann sind Block und Bleistift manchmal doch die bessere Wahl als Blog und schnelle Finger.

Aber wie oft ist das der Fall? Ich vermute, dass gut 70-80 Prozent der „Beratungen“ nichts anderes sind, als vorbereitete Statements, die man als „so ist xyz entschieden worden“ vorbereiten kann.

Selbst wenn es heiß her geht, bleibt meist eine „Bearbeitungspause“ beim nĂ€chsten TOP. Typischerweise stellt die Verwaltung, oft der BĂŒrgermeister, sonst ein Mitarbeiter oder ein „Experte“ den nĂ€chsten TOP da. Meist hĂ€lt man sich an die Vorlage.

Ist man gut vorbereitet, kann man mit „einem Ohr“ zuhören und wĂ€hrenddessen den Text zum vorherigen TOP mit Zitaten und Situationsbeschreibungen fertig stellen. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Dann macht man das direkt im Anschluss an die Sitzung und ist immer noch sehr, sehr aktuell – auf jeden Fall aktueller als jede Zeitung.

Technik nutzen.

Zitate, die man wĂ€hrend einer Sitzung in Facebook protokolliert, kann man spĂ€ter per C&P einfach in die eigenen Artikel ĂŒbernehmen. NatĂŒrlich können das auch die „Kollegen“ von der Zeitung – macht nix, man ist schneller und die „Kollegen“ schreiben ab, wenn sie sich hier bedienen. Die interessierten Leserinnen und Leser bemerken das – zumindest ist das unsere Erfahrung.

Und sehr interessant ist: Wir bekommen zunehmend per Kommentar oder Chat wĂ€hrend der Sitzung „Hinweise“ zu HintergrĂŒnden. Beispiel: In einer Gemeinderatssitzung sagt Rat XY etwas zu einem TOP. Wir dokumentieren das. Plötzlich geht das Chat-Fenster auf: „Hi, Sie wissen schon, warum der das sagt?“ – „Nein, keine Ahnung.“ – „Nun, bei der Sache geht es um einen Kunden von Gemeinderat XY. Jetzt soll rĂŒckwirkend eine Baumaßnahme erlaubt werden…“ – „Ach, echt? ErzĂ€hlen Sie mal mehr…“ – „Also, das war so…“

Auf Facebook reagieren wir sofort: „Erfahren gerade mögliche HintergrĂŒnde zum Verhalten und zu den WortĂ€ußerungen von Gemeinderat XY…“ – „MĂŒssen das noch checken – das Ergebnis können Sie dann bei uns lesen.“

Mehr zur Vorbereitung, der Umsetzung und der Technik steht im geschlossenen Forum fĂŒr istlokal.de-Mitglieder. Hier tauschen wir unsere Erfahrungen aus.

Haut rein!

🙂