Wir verlosen 5 x 1 Exemplar des neuen Journalistenbuchs

Universalcode entschlüsselt – oder die Lust aufs “Blatt machen”

Gmund/Heddesheim, 05. Dezember 2011. (red) Soviel steht fest: Im Universalcode wird der Leser denselben nicht finden. Weder in diesem fast 600 Seiten starken Buch, noch woanders. Dafür findet man im Buch zum „Journalismus im digitalen Zeitalter“ 20 Perspektiven, wie sich der Journalismus von morgen programmieren lässt. Damit ist “Universalcode” ein Buch 2.0 sozusagen. Wir verlosen fünf Exemplare.

Von Hardy Prothmann

Es gibt eine klare Kaufentscheidung für den “Universalcode”. Für mich ist das eindeutig der Text: “Wie man erfolgreich eine Seite macht: Blattmachen im Netz” von Stefan Plöchinger.

Der Chefredakteur von sueddeutsche.de macht Lust und Laune auf kreative, herausragende, journalistische Arbeit. Das Feilen am Detail, die Zuspitzung der Information, das Setzen von Themen, das Spielen mit dem Material.

TTT

Der Kollege Plöchinger setzt auf die Formel TTT – nicht die Bild-Variante, Tiere, Titten, Tote – sondern auf  Thesen, Titel, Texte.

Man liest aus jeder Zeile, dass hier ein Vollblut-Journalist schreibt, der sein Handwerk beherrscht, liebt, nutzt und doch neugierig bleibt: Fragen stellen, dazu lernen, experimentieren – mehr braucht es nicht, um online das zu tun, was man bei der Zeitung “Blatt machen” nennt:

Gutes Blattmachen setzt voraus, dass sich die Redaktion über die (…) journalistische Mission verständigt.

Blatt machen heißt, Themen zu setzen, die Geschichte am besten zu erzählen, den Leser zu erreichen, zu überraschen, zu unterhalten, zu informieren.

Universalcode ist seinen Preis wert

Analog und digital funktionieren zusammen - wenn man weiß, wie. Im Universalcode stehen Anleitungen.

Der 38-Seiten lange Text ist alleine den “stolzen” Preis von 27,90 Euro für dieses Paperback-Buch wert. Wer sich diesen Text einverleibt, der kann gar nicht anders, als eine gute Seite zu machen.

Verwunderlich nur: Der Text ist das, was einer der Herausgeber, Christian Jakubetz im Vorwort, eigentlich verneint – eine Werkstatt, eine Anleitung, ein How-to. Es ist der erste Text überhaupt, den ich durchgängig mit Lust und ständigem Kopf-Nicken über das Publizieren im Netz gelesen habe.

Frisch, klar, nutzwertig und leidenschaftlich – wer online arbeitet und mehr als c&p machen möchte, für den ist dieser Text schon fast ein Universalcode.

Content statt Layout

Anders der Text von Christian Lindner – der Chefredakteur der Rhein-Zeitung ist und bleibt ein Zeitungsmann. Das darf er auch und deshalb ist sein Text auf wichtig. Lindner ist für mich der fortschrittlichste Lokalzeitungsmacher in Deutschland – aber er ist natürlich auch Gefangener des Zeitungssystems.

Viel mehr noch eines Denk- und Verhaltenssystems um ihn herum, das sich selbst im Weg steht. Man merkt den Lindnerschen Zeilen an, dass ihn das ärgert und er um die Mängel weiß: “Macht Content, kein Layout” ist sein Text überschrieben.

Mich müssten die Zustände bei Tageszeitungen nicht (mehr) interessieren, weil ich mich fürs Netz entschieden haben. Aber ich komme von der Zeitung und wer weiß, vielleicht arbeite ich ja auch irgendwann wieder für eine.

Mehr Relevanz

Zum Beispiel, um sie zu schrumpfen, um verlorene Relevanz zurück zu bringen. Ganz richtig schreibt Lindner:

“Hinzu kommt, dass viele Zeitungen die Zahl ihrer Lokalseiten massiv gesteigert und die Schwelle für ihre Berichterstattung ungut gesenkt haben.”

Über diesen Satz habe ich wirklich lange nachgedacht – denn ich habe online denselben Fehler gemacht. Bin von Termin zu Termin gehetzt, wollte ich doch auf “Augenhöhe” mit der Konkurrenzzeitung sein. Das ist kompletter Quatsch.

Mehr Konzentration

Die Konzentration auf wichtige Themen bringt den Erfolg, die Aufmerksamkeit, die Anerkennung und das gute Gefühl, richtigen Journalismus zu machen. Die Bratwürste dürfen die anderen grillen, Wettergötter anrufen, Gerstensäfte fließen lassen und das ganze andere Zeugs.

Wer sich über die Zukunft der Zeitung Gedanken macht, muss auch den Schmerz fühlen, den Herr Lindner vorantreibt, seine Zeitung fit zu machen.

Unternehmerjournalismus made in USA

Nur wenig einverstanden bin ich mit dem Text von Ulrike Langer, eine der Herausgeberinnen. Und das, obwohl ich Ulrike sonst sehr für ihre Arbeit schätze.

Es ist nichts wirklich falsch an dem, was sie schreibt, es ist nur zu weit weg. Es geht fast nur um den amerikanischen Markt und die dortigen Entwicklungen.

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Theoretisch ist das interessant, weil auch Herr Plöchinger empfiehlt, über den Teich zu schauen und dort “Inspirationen” zu finden. So hat der deutsche Medienmarkt sich über Jahrzehnte entwickelt – als Kopie und immer zeitverzögert zum anglo-amerikanischen Markt.

Das funktioniert sicher noch eine Weile für viele Bereiche – online habe ich da große Zweifel. Beispielsweise das Stiftungswesen oder Spenden: Beides ist tief in der amerikanischen Kultur verankert, aber nicht in der deutschen. Zudem ist Amerika infrastrukturell ganz anders aufgebaut als Deutschland.

Fast alle positiven Beispiele haben sich nicht langsam entwickelt, sondern hatten eine recht ordentliche finanzielle Ausstattung und helfende Hände. In Deutschland sehe ich große Chancen für nationale Medien, wenn auch hier jemand ein paar Millionen in die Hand nimmt.

Darunter liegt der regionale und lokale Markt. Überwiegend hier wird das, was Ulrike Langer im Kapitel “Unternehmerjournalismus” beschreibt, stattfinden.

Und dieser Markt beginnt sich zu bilden. Oder eher: Er wird ausgebildet.

Ulrike erwähnt mich als positives Beispiel. Ich erweitere das um meinen Geschäftspartner Peter Posztos (http://www.tegernseerstimme.de), von dem ich viel lerne – denn er hat als Unternehmer bereits erfolgreich Start-Ups gegründet. Oder Philipp Schwörbel, ein Kaufmann, der keine einzige Zeile für seine Prenzlauer Berg Nachrichten schreibt, sondern sich ums Geschäft kümmert und Journalisten bezahlt.

Digitales Verlegermodell

Niemand kann alles gleichzeitig leisten und das auch noch gleich gut, also immer hervorragend, wie Richard Gutjahr in seinem Schlusswort beschreibt. Auch der Unternehmerjournalist nicht. Der muss sich – gerade zu Beginn – auch ums Geschäft kümmern. Aber es muss von Anfang an das Ziel sein, eine arbeitsteilige Organisation zu bilden.

Und der Gründer kann später als Unternehmer und Journalist die Geschäfte führen. Wenn man so will, ist das, was sich im Netz entwickelt, ein Neustart des “Verlegermodells”. Publizistisch getriebene Geschäftsleute und nicht irgendwelche Controller, die heutzutage ganz überwiegend die “Linie” von Zeitungen bestimmen.

Der Unternehmerjournalist unterscheidet sich sehr vom “klassischen” freien Journalisten – den er verkauft seine journalistische Leistung nicht an andere, sondern vermarktet sie für sich selbst.

Verkauft Anzeigen

Dazu wird gehören, dass jeder, der mitarbeitet, sich fürs Produkt, für Journalismus interessiert, aber auch fürs Geschäft. Trotzdem hat jeder seine “Spezialaufgabe”. Ein Verkäufer kann auch Texte setzen oder Fotos machen. Aber der Fotograf macht die besten Bilder und der beste Schreiber sorgt für den besten Lesestoff und der beste Rechercheur muss nicht der beste Texter sein. Der Techniker entwickelt das Produkt weiter und das Sekretariat sorgt dafür, dass die Termine stimmen und wahrgenommen werden.

Unterm Strich ist die Werbung die größte Einnahmequelle.

Die von Langer beschriebenen Möglichkeiten des Micropayments, also Diensten wie Kachingle oder Flattr funktionieren in Deutschland (noch) nicht. Auch Textbörsen sind keine echte Zugewinnmöglichkeit, sondern eine tote Kopie des alten Modells: Liefern und abrechnen. Und das auch noch von der Halde.

Das Publizieren im Selbstverlag bleibt den herausragenden Autoren mit großer, überregionaler Fangemeinde vorbehalten. Für die meisten anderen taugt das nicht. Aber die Spezialisten vor Ort, die ihre Gegend kennen und die Menschen, die können ihre Unternehmen gründen. Allerdings nicht allein. Sie müssen Arbeiten abgeben, organisieren, eine Struktur aufbauen.

Vernetzte Investition

Ulrike wird es mir nachsehen – mit dem Kapitel “Unternehmerjournalismus” bin ich nicht zufrieden, weil es für mich zu wenig Nutzwert hat und teils meinen Erfahrungen widerspricht. Als Übersicht über den amerikanischen Markt hingegen taugt es.

Der Unternehmerjournalist von morgen muss das Netz nutzen und selbst daran teilnehmen – als Einzelkämpfer wird er nicht bestehen. Im Verbund mit anderen kann er sich aber sein Gebiet sichern – wenn er fleißig, neugierig und lernwillig ist. Ohne “Investition” kommt er nicht aus – sonst wärs ja auch kein Unternehmer.

Mehr lesen Sie im Buch selbst 😉

Universalcode
Christian Jakubetz, Ulrike Langer, Ralf Hohlfeld (Hrsg.)
1. Auflage August 2001
Euryclia, München
Preis: 27,90 Euro