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Aus dem Leben eines Alleinredakteurs

Zwischen Nähe und Distanz – Berichterstattung im ländlichen Raum

Ekkehard Rüger vor Ort. Wie bleibt man nah dran und trotzdem distanziert? Foto: Doro Siewert

Gmund/Mannheim, 16. Mai 2012. (red) Der Lokaljournalist Ekkehard Rüger ist Alleinredakteur der Westdeutschen Zeitung im beschaulichen Burscheid (bei Leverkusen). Mit einem Impulsreferat für das Seminar „Land in Sicht – Gute Konzepte für kleine Redaktionen“ der Bundeszentrale für politische Bildung in Göttingen zeigt er seine Arbeitssituation vor Ort auf. Wir dokumentieren den Text.

Anm. d. Red.: Ekkehard Rüger hatte bei einem Seminar der Initiative Tageszeitung in Würzburg vor einigen Wochen teilgenommen, bei dem Hardy Prothmann als Referent aufgetreten ist. Wir bekamen deshalb seinen Text “zur freundlichen Kenntnis”, fanden ihn so spannend, dass wir gebeten haben, diesen hier veröffentlichen zu dürfen. Ekkehard Rüger ist Träger des Wächterpreises.

Von Ekkehard Rüger

“Liebe Wächter-Kollegen, liebe Bratwurstjournalisten,

nein, ich möchte mit dieser Begrüßung nicht schon gleich zu Beginn des Seminars den Spaltpilz in diese neue Gruppe treiben. Sie müssen auch nicht nach links und rechts äugen, um zu überlegen, wenn ich denn wohl mit der einen und wen mit der anderen Anrede meinen könnte. Ich meine Sie alle mit beiden Anreden – und vor allem mich selbst.

Von Floskeln und Phrasen

Dass ich als kleiner Provinzjournalist und Alleinredakteur aus dem Bergischen Land heute den Versuch unternehmen darf, Ihnen zu Beginn dieses Seminars ein paar Impulse für die nächsten Tage zu geben, hat zwar vermutlich eher damit zu tun, dass mir mal vor fast genau fünf Jahren der 3. Preis des Wächterpreises überreicht wurde. Aber um gleich für die erste Ernüchterung zu sorgen: Ich bin andererseits relativ sicher, dass sich für die meisten Kritikpunkte an der ländlichen Lokalberichterstattung, über die Sie sich hier bis Samstag unterhalten werden, mühelos Belege aus meiner eigenen Lokalausgabe finden lassen würden.

Als der streitlustige Journalist und Blogger Hardy Prothmann vor zweieinhalb Jahren für den endlosen Phrasenstrom mit all den Wettergöttern und ungezählten Fässern kühlen Gerstensafts den Begriff des Bratwurstjournalismus kreierte, konnte ich mich über diese Wortschöpfung daher auch nicht wirklich aufregen. Die Floskel vom leiblichen Wohl, für das gesorgt ist, habe ich meinen Mitarbeitern zwar inzwischen ausgetrieben. Aber wer von uns wollte bestreiten, dass trotz schon jahrzehntealter brancheninterner Kritik daran noch einiges im Argen liegt bei unserer Fest- und Jahreshauptversammlungs-Berichterstattung?

Das Leben ist eine Baustelle und der Journalistenberuf ein Steinbruch mit vielen unbearbeiteten Blöcken – das gilt umso mehr bei uns auf dem Land. Wer uns Böses will, muss nicht lange suchen. Andererseits gibt es daneben unzählige Beispiele für originellen, verantwortungsvollen und kritischen Lokaljournalismus auch in der Provinz.

Zwischen Sorgfalt und Mut zur Lücke

Allerdings: Das Gute setzt sich eben nicht schrittweise gegen das Schlechte durch, sondern beides besteht weiter munter nebeneinander – und manchmal bedingt das eine auch das andere. Wenn ich mehr Sorgfalt auf die Recherche meines Aufmachers verwende, als mein tägliches Zeitbudget dafür vorsieht, dann leidet notgedrungen in meiner kleinen Klitschenredaktion die Sorgfalt, die ich auf das Schreiben oder Redigieren der übrigen Artikel in meiner Ausgabe verwenden kann.

Gleichwohl: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Landjournalisten keinen Grund haben, jeden Tag mit gesenktem Haupt in die Redaktion zu schleichen. Ich behaupte sogar, dass wir einiges beizutragen hätten, wenn es um die Frage geht, wie der Journalismus im Allgemeinen und der Lokaljournalismus im Besonderen seine Bedeutung in der Zukunft bewahren will. Und das nicht trotz, sondern gerade wegen der großen Nähe, die wir Lokalkrauter zu den Menschen und der Region haben, über die wir berichten. Das werde ich im Folgenden versuchen zu begründen.

Nähe, Distanz, Glaubwürdigkeit

Nähe und Distanz, das ist in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu meinem beruflichen Lebensthema geworden. Weil davon aus meiner Sicht unser größtes Kapital abhängt, das aktuell gefährdeter ist als je zuvor: unsere Glaubwürdigkeit. Warum mich diese Frage so sehr beschäftigt, wird vielleicht deutlicher, wenn ich ein bisschen schildere, unter welchen Umständen ich arbeite.

Ich bin Alleinredakteur der Westdeutschen Zeitung in dem bergischen Städtchen Burscheid bei Leverkusen mit seinen knapp 19.000 Einwohnern. Dort tragen wir noch den alten Titel: „Bergischer Volksbote“, weil die heutige WZ-Lokalausgabe in Burscheid 1861, also vor gut 150 Jahren, mal als eigenständige Burscheider Zeitung angefangen hat.

Meine Bezeichnung Alleinredakteur sagt dabei schon viel, aber nicht alles: Ganz allein bin ich nämlich nicht. Ich habe in der Regel einen Volontär oder eine Volontärin mit im Büro sitzen, mit dem oder der ich die täglich zwei bis drei Seiten Lokalberichterstattung über Burscheid bewältige. Daneben gibt es noch eine Pauschalistenstelle, über die seit einigen Jahren zusätzliche Seiten mit Informationen über die Nachbarstädte Leverkusen, Leichlingen und Köln möglich sind. Auch diese Seiten zählen zu meinem Verantwortungsbereich.

Mittendrin und nie dabei?

Seit gut 15 Jahren arbeite ich nun als Lokalredakteur in dieser Stadt und etwa die Hälfte der Zeit habe ich nicht dort, sondern in der nahen Großstadt Köln gewohnt. Nein, ich wollte nicht auch noch privat dort unterwegs sein, wo mein Schreibtisch steht. Ich wollte nicht in das kleinstädtische Gestrüpp von Bekanntschaften geraten, bei denen sich Privates und Berufliches mischt. Meine Kinder sollten keine Kindergärten und Schulen besuchen, sich in keinen Sportvereinen austoben, über die ich als Lokaljournalist berichten könnte. Ich wollte mich nicht dem (in erster Linie von mir selbst formulierten) Vorwurf aussetzen, der private Blick verkläre den beruflichen. Um alles in der Welt Distanz, um nichts in der Welt dazugehören – so habe ich bei Diskussionen über diese Entscheidung argumentiert, das berühmte Wort des Fernsehjournalisten Hanns-Joachim Friedrichs dabei im Ohr: immer dabei sein, nie dazugehören.

Die Arbeitsstätte des Alleinredakteurs Rüger. Foto: Ekkehard Rüger

 

Aber ein Beruf lässt sich nur selten in Merksätzen ausüben. Und ein Leben auch nicht führen. Eine Scheidung und neuerliche Heirat später lebe ich nun doch in Burscheid, genauer seit 2004. Und ich lebe auch nicht irgendwo, sondern in einem der Pfarrhäuser. Meine Frau ist nämlich eine der örtlichen Pfarrerinnen, ich mithin nicht länger nur Lokalredakteur, sondern auch Pfarrmann und seit September 2011 zu allem Überfluss auch noch ordinierter Prädikant, also ehrenamtlicher Prediger.

Unser gemeinsamer Sohn geht in einen Kindergarten, über den ich berichte, und tobt sich in einem Sportverein aus, von dem regelmäßig im BV zu lesen ist. Durch das Leben vor Ort sind neue Freundschaften entstanden zu wunderbaren Menschen, die leider in so einem kleinen Kaff auch immer irgendwo öffentlichkeitswirksam tätig sind: als Vereinsvorsitzende, Pressesprecher oder Architekten. Mein jahrelang gepflegter Distanzschutz des Siezens bricht immer mehr in sich zusammen. Wenn ich beruflich zum Hörer greife, kann ich von Jahr zu Jahr häufiger beim Du bleiben. Jeder kennt jeden, man tut sich nicht weh und eine Hand wäscht die andere: So könnte man mit einigem Recht mutmaßen angesichts dieser Melange.

Von Preisen und Gemengelagen

Ich möchte Ihnen vier Berichterstattungsbeispiele aus dieser Melange geben, Beispiele, die exemplarisch stehen für Probleme von Nähe und Distanz, wie sie sicher Ihnen allen vertraut sind. Und ich möchte Ihnen erzählen, wie ich journalistisch damit umgegangen bin – nicht, weil ich glaube, das sei nun wiederum auch beispielhaft. Sondern um Sie zu ermutigen, sich immer wieder für dieses Thema zu erwärmen, darüber nachzudenken und nicht zu glauben, je damit fertig zu sein.

Das erste Beispiel ist zugleich das älteste. Es stammt aus dem April 2005 und hat später zum Wächterpreis geführt. 17 Mitglieder des Aufsichtsrats und der Gesellschafterversammlung der Burscheider Stadtwerke wollen zur mehrtägigen Besichtigung einer norwegischen Gasförderinsel aufbrechen, finanziert von Eon-Ruhrgas, dem langjährigen Vertragspartner der Stadtwerke. Ich berichte über die Pläne und stelle in einem Kommentar die Frage, ob eine solche Reise wirklich notwendig ist, um über Gaslieferverträge zu entscheiden.

Der Bericht wird anonym an die Staatsanwaltschaft in Köln geschickt. Es kommt zur Durchsuchung der Stadtwerke und der Eon-Ruhrgaszentrale in Essen. Die Folge sind bundesweite Ermittlungen gegen zwischenzeitlich über 800 Bürgermeister, Kommunalpolitiker und Manager wegen des Verdachts der Vorteilsnahme, weil diese Reisen in der Branche seit Jahren gang und gäbe waren. Rund 150 Verfahren werden eingeleitet und meist später mit oder ohne Geldauflage eingestellt. Im konkreten Fall Burscheid zahlen die Beteiligten jeweils etwa 6000 Euro. Das entspricht der Höhe des Preisgeldes, das ich im Mai 2007 erhalte.

Betroffenheit vs. Knaller

Das Pfarrhaus. Foto: Ekkehard Rüger

Sie werden sich unschwer vorstellen können, dass ein solcher Fall in einer Kleinstadt für einen Lokalredakteur zwar journalistisch der Knaller, aber persönlich nicht sonderlich angenehm ist. Nicht nur, dass vom Bürgermeister bis zu den Vertretern aller Ratsfraktionen meine häufigsten kommunalpolitischen Ansprechpartner fast ausnahmslos betroffen waren. Bei dem Aufsichtsratsvorsitzenden handelte es sich zudem noch um den Ehemann unserer damaligen Anzeigenberaterin, die unmittelbar im Büro neben der Redaktion saß.

Dass ich gleichwohl rückblickend bilanzieren kann, dass der Umgang mit allen Beteiligten weder abgerissen ist noch in besonderem Maße gelitten hat und ich in einem Fall sogar einen entscheidenden Hinweis zum Fortgang der Geschichte aus dem Kreis der Mitreisenden erhielt, erkläre ich mir vor allem mit dem Tonfall, den ich in meinen Artikeln angeschlagen habe.

Es war für mich persönlich sehr lehrreich zu erleben, wie bei der späteren bundesweiten Berichterstattung in vielen Fällen ein Abnehmen der Sachkenntnis mit einem Zuwachs an Häme und schneidigem Hinrichtungsjournalismus einherging, der sich nicht mit einer Kritik in der Sache begnügte, sondern gleich alle beteiligten Personen als Wegwerfprodukt einer medialen Skandalisierungsmaschinerie behandelte. Wenn man sich im Gegensatz dazu in der Lokalberichterstattung um eine differenzierte Darstellung bemüht und die eigentlich ja selbstverständliche journalistische Tugend pflegt, auch der Position der kritisierten Seite genügend Raum zu geben, wird einem das aus meiner Erfahrung gedankt – mit einem auch in kritischen Fragen nicht abreißenden Gesprächsband.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht mir nicht um verharmlosendes Weichspülen, um nur ja niemandem zu weh zu tun. Aber wenn wir Journalisten darauf verzichten, den Stammtisch zu bedienen, indem wir Menschen gnadenlos vorführen, eröffnet uns das gerade im Lokalen und noch mehr auf dem Land die Freiräume, nötige Kritik zu formulieren, ohne damit für alle Zeiten unüberbrückbare Gräben aufzureißen.

Gleichbehandlung?

Ein zweites, ganz anders gelagertes Beispiel. Silvester 2007 erscheint in meiner Lokalausgabe unter der Überschrift „Ich habe fünf Geburtstage im Jahr“ das Porträt eines SPD-Kommunalpolitikers. Der Mann leidet an einem Glioblastom, dem bösartigsten Hirntumor, den es gibt. Die durchschnittliche Lebenserwartung nach Diagnose beträgt ein Jahr. Die Überschrift spielt auf die vierteljährlichen Untersuchungen an, die jeweils Auskunft geben, welche Überlebensperspektive ihm noch bleibt.

Blick von oben auf die Redaktion. Foto: Barbara Sarx

 

Um es vorweg zu nehmen: Der Mann lebt immer noch und läuft mittlerweile unter der Kategorie „Medizinisches Wunder“. Wir sind nicht befreundet, aber wir duzen uns und rufen uns gegenseitig zum Geburtstag an. Seit ich diese Geschichte geschrieben habe, stelle ich fest, dass ich ihm gegenüber journalistisch gehemmt bin. Womöglich behandele ich ihn auch anders, rücksichtsvoller als andere.

Das wirft die Frage auf, ob unser Wissen um die Menschen, über die wir berichten, unserer journalistischen Arbeit eher abträglich oder förderlich ist. Ist Rücksicht eine journalistische Untugend? Muss ich alle Menschen gleich behandeln – den unbeholfenen Schriftführer eines x-beliebigen Vereins wie den medienerfahrenen Pressesprecher? Oder ist gerade die Differenzierung für uns Journalisten angezeigt?

Ich bin in dieser Frage nicht entschieden, aber dieses Beispiel regt mich immer wieder dazu an, darüber nachzudenken, ob es wirklich stimmt, dass uns mit zunehmender Nähe zum Gegenstand oder den Personen unserer Berichterstattung der kritisch-unabhängige Blick von außen verloren geht. Oder ob es nicht auch eine kalte journalistische Distanz gibt, deren selbst ernannte Objektivität schnell ins Selbstgerechte umschlägt, ohne der Wahrheit damit wirklich näherzukommen.

Schwierige Positionen

Ein drittes Beispiel, gerade zweieinhalb Monate alt. Der in Burscheid geborene Maler Carl Lauterbach ist auf diesem Sektor das Bekannteste, was Burscheid bisher hervorgebracht hat. Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie, Mitglied des Jungen Rheinlands, während der NS-Zeit verfolgt und verarmt und nach dem 2. Weltkrieg dann gefragter Zeitzeuge und künstlerischer Mahner gegen die Tyrannei und für die Demokratie. So jedenfalls die bisherige Lesart seiner Biografie. Eine Straße in Burscheid trägt seinen Namen. Viele hier kennen den 1991 gestorbenen Lauterbach noch persönlich, haben zu Hause ein Bild von ihm hängen und erzählen immer wieder von einem freundlichen, etwas zerstreuten älteren Herrn.

Nun taucht im Zusammenhang mit einer aktuellen Ausstellung des Düsseldorfer Stadtmuseums auf dessen Internetseite eine biografische Skizze zu Lauterbach auf, die dessen Wirken in der NS-Zeit neu bewertet. Nicht ein Verfolgter sei er gewesen, sondern Profiteur des NS-Kulturbetriebs. Und seine Selbstdarstellung nach Kriegsende sei geschönt, um ihm auf diese Weise die Reputation zu verschaffen, die sein künstlerisches Wirken allein nie bewirkt hätte.

Der Rheinischen Post in Düsseldorf genügt dieser kurze Abriss zu einer deutlichen Positionierung: „Jetzt also ist die Mär vom Widerständler Carl Lauterbach (. . .) zerstört“, schreibt sie. Und schließt mit dem Satz: „Mutmaßen darf man, dass auch die Stadt Burscheid Konsequenzen ziehen und ihre Lauterbach-Straße umbenennen wird.“

Auch mein erster Text trägt die Überschrift: „Denkmal Carl Lauterbach nicht mehr zu halten“. Aber auch hier ist es die größere Nähe, die mich insgesamt zu einer zögerlicheren Berichterstattung veranlasst. Liegen all die Menschen, die vor Ort leben und denen Lauterbach etwas bedeutet, in ihrer Erinnerung und Einschätzung völlig falsch? Muss ich mich als Lokalredakteur eindeutig positionieren – womöglich gegen den Großteil meiner Leser und Gesprächspartner, zudem vieler Zeitzeugen?

Ich entscheide mich für eine abwägendere, vor allem kontinuierlichere Berichterstattung. Kein abschließendes Urteil, sondern Work in progress sozusagen. Dem ersten Artikel folgt ein zweiter mit Reaktionen aus Burscheid, meist verteidigender Natur. Die Stadt Düsseldorf kommt mit ihrer Entscheidung zu Wort, den Carl-Lauterbach-Preis nicht mehr zu vergeben.

Und mir gelingt es nach zwei Monaten Drängen endlich auch, die Quellen einzusehen, mit denen das Museum seine Neubewertung begründet und die in der Tat Fragen zur Selbstdarstellung Lauterbachs nach dem 2. Weltkrieg aufwerfen im Kontrast zu seinen belegbaren künstlerischen Aktivitäten in der NS-Zeit. Zuletzt erscheint ein weiterer Beitrag unserer Düsseldorfer Kunstexpertin, die wiederum dortige Kritiker der wissenschaftlichen Qualität des Stadtmuseums aufgetan hat.

Womöglich kann man dieser Form der Berichterstattung vorhalten, sie lasse den Leser letztlich im Unklaren, was es denn mit den Vorwürfen auf sich habe und ob Lauterbach nun ein Guter oder ein Schlechter war. Für mich ist dieser Weg aber der redlichere, wenn es mit den begrenzten Recherchemöglichkeiten einer kleinen Landredaktion darum geht, komplexen Sachverhalten gerecht zu werden. Allemal ist es aus meiner Sicht der sinnvollere erste Schritt, zunächst einmal nichts unerwähnt zu lassen, was für und was gegen den Künstler spricht, der sich schließlich nicht mehr rechtfertigen kann. Und wenn dann keine eindeutige Bewertung möglich scheint, müssen wir sie uns auch nicht um einer vordergründigen Positionierung willen zumuten, sondern können getrost auf das Urteilsvermögen unserer Leser vertrauen. Der Allwissenheitswahn unseres Berufsstandes erlebt ja ohnehin im Zeitalter sozialer Netzwerke seine Götterdämmerung.

Persönlich betroffen

Das letzte und aktuellste Beispiel aus dem Burscheider Nähe-und-Distanz-Dschungel. Und vielleicht führt es am tiefsten hinein. Denn es geht um ein Kirchenthema, genauer um eines aus meiner Gemeinde.
Schon länger habe ich entschieden, vor kirchlichen Themen trotz der familiären Verpflechtungen nicht zu kneifen. Zum einen, weil sie mich schon lange vor meiner zweiten Ehe interessiert haben und es gar nicht einfach ist, überhaupt noch kirchenkompetente Mitarbeiter zu finden, denen nicht schon die Unterscheidung der christlichen Konfessionen Mühe macht. Zum anderen, weil meine Ehe nun wirklich stadtbekannt ist und die meisten Leser daher selbst einschätzen können, ob ich mit meinen Texten möglicherweise in kirchliche Hofberichterstattung abgleiten könnte. Diese Sorge führt im Übrigen dazu, dass meine Frau beispielsweise in meinem Blatt viel seltener auftaucht als bei der Konkurrenz.

Aber dieser Fall ist anders gelagert. Es geht nicht um zu wohlwollende Berichterstattung, sondern um das Gegenteil. Vor knapp drei Wochen sitze ich in einem großen und lange vorbereiteten Revuegottesdienst der Gemeindejugend; ein Kollege meiner Frau wirkt mit und mit dem ganzen Projekt wollen sich die Beteiligten für das Programm des Kirchentags in Hamburg im nächsten Jahr bewerben. Ganz entgegen meiner Erwartung halte ich aber entscheidende Teile des Revuegottesdienstes für nicht gelungen. Die Begründung dafür den Beteiligten auf dem Weg zum Kirchentag zu spiegeln, sehe ich als meine journalistische Aufgabe an. Der Artikel fällt dementsprechend aus.

Dass eine solche Kritik, zumal von mir verfasst, für viel Diskussionsstoff sorgen würde, war zu erwarten. Manche reagieren eher beleidigt, andere wie meine jüngste Schülerpraktikantin, die an dem Projekt selbst beteiligt war, erfreulich differenziert. Viele sind erleichtert, mit ihrem Befremden über die Inszenierung nicht allein zu sein. Aber natürlich gibt es auch Empörung. Mit einem Vater entspinnt sich ein Mailwechsel, in dem ich noch einmal versuche, die Gründe meiner Kritik zu erläutern. Aber interessanterweise taucht erst jetzt, bei diesem kritischen Bericht, erstmals in all den Jahren ein Vorwurf auf, der ja eigentlich bei allen eher wohlwollenden Artikeln zu Kirchenthemen zu erwarten gewesen wäre. Zitat: „Mir scheint, Sie sind persönlich betroffen und befangen und vermutlich liegt hier auch Ihre Motivation für den Verriss.  Dies müssen Sie aber mit Ihrem Berufsethos und Arbeitgeber ausmachen.“

Zuletzt attestiert mir der gute Mann noch ein Gottes- und Weltbild, wie es Kardinal Meisner hat. Ich bin dann doch relativ erleichtert, dass es sich dabei nur um eine abgedrehte Einzelmeinung handelt und viele andere Gemeindemitglieder mir rückgemeldet haben, dass sie mein Bemühen um differenzierte Kritik sehr wohl bemerkt haben und die Bedenken auch nachvollziehen konnten.

Welche Schlussfolgerungen ich für künftige Fälle aus diesem Erlebnis ziehe, weiß ich noch nicht; dafür ist alles noch zu frisch. Aber es zeigt zumindest, dass die Frage, wie weit man im Wechselspiel von Nähe und Distanz im Interesse einer kritischen, unabhängigen Berichterstattung gehen kann, nicht pauschal, sondern nur von Einzelfall zu Einzelfall zu beantworten ist.

So weit der Streifzug durch mein Burscheider Biotop für Bekloppte. Da sich mein Vortrag mit Blick auf Ihr weiteres Seminar aber nun Impuls-Referat nennt, möchte ich zum Schluss auf der Basis dieser und vieler anderer Erfahrungen versuchen, zur Zukunft eines glaubwürdigen Lokal- und Landjournalismus fünf Thesen zu formulieren – in der Hoffnung, dass die ein oder andere Sie zum Zu- oder Widerspruch reizt.

Thesen für den Alltag

Ekkehard Rüger. Foto: Doro Siewert

1. Ohne Haltung geht es kaum

Ich tue mich etwas schwer mit dem Begriff des Berufsethos, weil damit auch in unserem Beruf gerne die Phrasendreschmaschinen angeworfen werden. Aber wenn man emotional nicht abgestumpft oder gar zynisch ist, dann wird man gerade in der ländlichen Region, wo wir den Menschen, über die wir berichten, tagtäglich wieder ins Gesicht schauen müssen, ohne eine innere Haltung und Vorstellung von den Notwendigkeiten unseres Berufs nicht auskommen. Das ist nichts, was mit dem Eintritt ins Berufsleben erledigt wäre. Ich als meinem Naturell nach eher harmoniebedürftiger Mensch habe dieses Ethos jedenfalls oft als Schutzschild empfunden. Wo unser Bewusstsein für den Wert einer unabhängigen Presse auch im lokalen Kleinklein nicht regelmäßig geschärft wird, bereiten wir den Boden für das Gift der Bequemlichkeit und wandeln irgendwann nur noch auf dem Weg des geringsten Widerstands.

2. Journalistische Fairness ist kein Luxusgut

Ich hoffe, Ihnen geht es auch ab und an wie mir, wenn mal wieder eine sich auf allen Kanälen vervielfältigende Empörungswelle durch die Medienlandschaft schwappt. Bei mir zeigt sich dann eine gewisse Ermüdungserscheinung und auch Unbehagen, wenn das, was ich vorhin schon mal Hinrichtungsjournalismus genannt habe, besonders lautstark unter der Fahne der Pressefreiheit segelt. Längst gibt es ja nicht nur eine Politiker-, sondern auch eine Medienverdrossenheit, deren Auswirkungen wir inzwischen auch bis in die letzten Winkel unserer ländlichen Idyllen spüren.

Fairness im Journalismus meint daher nicht nur das sorgfältige Befassen mit und das Darstellen von unterschiedlichen Positionen und Sichtweisen. Es meint nicht nur die Bereitschaft, jeden neuen Vorstoß einer einmal kritisierten Person oder Institution auch wieder neu zu bewerten. Fairness meint vor allem, den Menschen auch in ihren Verfehlungen nicht ihre Würde zu nehmen.

Besser als jeder andere wissen wir Landjournalisten aufgrund unserer großen Nähe zu den Menschen um die Auswirkungen unserer Berichterstattung. Mehr als jeder andere sind wir daher verpflichtet, mit den Möglichkeiten unseres Berufs verantwortungsvoll und behutsam umzugehen. Das hat eben nichts mit Feigheit zu tun, sondern mit dem Verzicht auf Großmäuligkeit, die aus der Distanz nichts kostet. Erst dadurch haben wir wieder eine Chance, dass der Begriff „Unabhängige Presse“ nicht zum Synonym wird für „Die schreiben eh, was sie wollen“.

3. Auch wir müssen Bürgernähe neu lernen

In meinem Studium habe ich noch das alte Bild vom Journalisten als Gatekeeper gelernt, dem Schleusenwärter, der aus der Flut der Nachrichten das auswählt, was zum Publikum durchsickern darf. Diese Zeiten sind radikal vorbei – und das nicht nur in der großen weiten Welt. Die Information, dass in Burscheid keine Schlecker-Filiale schließt, wurde zuerst in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Burscheider“ publiziert. Die Feuerwehr ist mit Fotostrecken von Unfällen manchmal schneller als unser Online-Auftritt. Jeder halbwegs professionelle Sportverein bietet noch am Spieltag selbst auf seiner Homepage komplette Spielberichte aller Mannschaften an. Nachrichten verbreiten, das kann inzwischen jeder.

Nicht nur Politiker, sondern auch wir Journalisten werden uns daher von der Vorstellung verabschieden müssen, die Welt warte nur auf uns und unsere Verkündigungen. Wir werden uns viel mehr der Diskussion stellen müssen, uns vom Welterklärer zum Moderator, Zusammenfasser, Versachlicher wandeln. Nirgendwo bekommt man derzeit ein besseres Gefühl dafür als in den sozialen Netzwerken.

4. Wir brauchen mehr Distanz – zu uns selbst

Eine der schlimmsten Gefahren so kleiner Redaktionen wie der meinen ist die, alles viel zu persönlich zu nehmen. Jede Kündigung, jede Beschwerde, jede Aggression, jeder Konflikt hat gute Chancen, im Laufe der Zeit als unmittelbarer Angriff auf die eigene Person missverstanden zu werden. Mir ist noch sehr gut der wohl peinlichste Ausfall meines bisherigen Berufslebens in Erinnerung, als ich vor Jahren mal dem damaligen Vorsitzenden des Obst- und Gartenbauvereins die Meinung geigen wollte, weil er vermeintlich die Konkurrenz bevorzugte. Der gute Mann war nicht zu Hause, aber sein Anrufbeantworter lief und ich habe mich in bester Wulff-Manier aufgeplustert und vom Leder gezogen. Die Abschrift des Anrufs ist dann beim Burscheider Krawall-Anwalt gelandet und es hat mich einen Canossa-Gang in den Vereinsvorstand gekostet, die Sache wieder aus der Welt zu schaffen.

Wer als Provinzjournalist nicht immer wieder die Fähigkeit pflegt, zu sich selbst auf Distanz zu gehen, all die Anti- und Sympathien, die alten Rechnungen und unausgesprochenen Konflikte auf den Prüfstand zu stellen und ihre Auswirkungen auf die Berichterstattung zu bedenken, hat gute Chancen, als kauziger Verwalter absurder Kleinkriege zu enden, die außer ihm niemanden mehr interessieren.

5. Nicht in jeder Suppe schwimmt ein Haar

Es gibt eine weitere Gefahr für die Glaubwürdigkeit unseres Berufsstands, und die liegt in einem falschen Verständnis des Begriffs „Kritischer Journalismus“. Man kennt ja nicht nur den eingangs zitierten harmlosen Bratwurstjournalismus, der sich in seinen kulinarischen Köstlichkeiten verliert. Ähnlich nervtötend ist auch jener Nörgeljournalismus, dem es mühelos gelingt, einen holprigen Kreisliga-B-Kick an den Maßstäben der Champions League zu messen.

Vor allem meinen Volontären aus den umliegenden Großstädten versuche ich bei ihrer Station in Burscheid zu vermitteln, dass man mit den Erwartungen einer Metropole in der Provinz nicht glücklich wird. Irgendeine Liebe zu den Menschen und ihrer provinziellen Unvollkommenheit muss schon vorhanden, irgendein Ja zu dem Ort, für den wir berichten, in der Zeitung ablesbar sein. Gerade dann haben wir nämlich die Freiheit, Kritik dort anzubringen, wo sie wirklich notwendig ist.

Zuletzt – und daran mögen Sie den Hobby-Seelsorger in mir erkennen – keine These, sondern ein Appell: Seien Sie bei allem Engagement und Herzblut, dass Sie in Ihren Beruf stecken, auch gnädig mit sich selbst. Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, sage ich gerne, dass meine Leser manchmal besser wissen, wie es mir geht, als meine Frau. Es ist ein einfaches Gesetz der Logik, dass die Qualitätsschwankungen umso größer ausfallen, je weniger Schultern die Produktion tragen. Niemand ist jeden Tag gleich kreativ; nicht jede Recherche führt zum gewünschten Erfolg. Wenn aber keine oder nur wenige Kollegen da sind, die diese Schwankungen auffangen, dann muss halt auch mal Mittelmaß genügen. Das ist nicht wünschenswert, aber auch kein Grund, den Landjournalismus als piefig zu denunzieren. Dafür wird von ihm unter oft denkbar schwierigen Umständen zu viel wichtige und auch gute Arbeit geleistet.

Vielen Dank!”

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