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√Ėffentliches vs. private Interesse

Was darf, soll man zeigen – was nicht?

Was darf man zeigen - was nicht?, ist oft eine heikle Frage.

 

Mannheim/Weinheim/Heidelberg, 11. Juni 2012. (red) Der Umgang mit Informationen ist manchmal eine schwierige Gratwanderung. Was wiegt stärker? Das öffentliche Interesse oder das private? Aktuell gibt es in Weinheim einen Fall, der die Frage, was erlaubt ist und was nicht, wieder aufwirft.

Von Hardy Prothmann

Zur Situation: Es kommt in einem Betreuungszentrum f√ľr alte und/oder psychisch kranke Menschen zu einem Brand. Eine Bewohnerin stirbt. Es handelt sich um Brandstiftung, die Mitbewohnerin wird verd√§chtigt, den Brand gelegt zu haben.

Vor Ort d√ľrfen die Reporter mit der Erlaubnis der Feuerwehr und des Landratamtes Aufnahmen machen.

Wir veröffentlichen einige Videosequenzen und Fotos des ausgebrannten Zimmers. Zuvor jedoch debattieren der Fotograf und ich, ob wir die Bilder wirklich bringen sollen.

Letztlich f√§llt die Entscheidung, weil wir von einem hohen √∂ffentlichen Interesse ausgehen. Schlie√ülich leben hier hilfsbed√ľrftige Menschen, die Angeh√∂rige haben und der Schutz dieser besonderen Menschen muss einen hohen Standard haben, weil sie sich selbst kaum helfen k√∂nnen.

Die Polizei sieht das völlig anders. Es handelt sich nach deren Auffassung um einen beschlagnahmten Tatort. Sie sieht ihre Ermittlungen gefährdet, obwohl die mutmaßliche Täterin direkt gestanden hat.

Weiter f√ľhrt die Polizei ein Argument an, dass auch wir in der Redaktion diskutiert haben: Die Unverletzlichkeit der Wohnung nach Artikel 13 Grundgesetz. Dieser Artikel bezieht sich aber √ľberwiegend auf den Schutz vor staatlichen Beh√∂rden. Liegt aber trotzdem eine Art von Hausfriedensbruch vor?

Gerade bei Feuerwehreins√§tzen fotografieren wir oft in der N√§he des Einsatzes und befinden uns in den allermeisten F√§llen auf den Grundst√ľcken von Firmen oder Privatgel√§nden. Allein das ist, streng genommen, schon eine Form von Hausfriedensbruch, au√üer, der Besitzer/Mieter erlaubt den Reportereinsatz. Das ist ganz √ľberwiegend unsere Erfahrung, aus der sich aber kein Recht ableiten l√§sst. Jeder Einsatz erfordert diese Erlaubnis.

Im Fall des Brandes im Betreuungszentrum kommt die Frage hinzu, ob ein Bewohner dieselbe Stellung und dieselben Rechte hat, wie ein Besitzer/Mieter einer Wohnung? Meist sind sie weder Besitzer, noch Mieter Рaber ganz sicher haben sie zumindest ein moralisches Recht auf Privatsphäre und Schutz.

Dem entgegen steht das Interesse der anderen Bewohner und Patienten, die auch ein Recht auf Leben und k√∂rperliche Unversehrtheit haben, wie in Artikel 2 Grundgesetz festgelegt. Ohne eine belegbare Dokumentation ist die √Ėffentlichkeit unter Umst√§nden nur schwer zu sensibilisieren und auf m√∂glicherweise vorhandene Missst√§nde aufmerksam zu machen.

Rechtfertigen diese sinnvollen, der Allgemeinheit hilfreichen Ziele einer journalistischen Berichterstattung aber eben durch eine solche Berichterstattung m√∂glicherweise entstehende “Rechtsverletzungen”?

Ein heikles Thema, das lokal jederzeit auftreten kann.

Wir w√ľrden uns √ľber eine lebhafte Debatte und n√ľtzliche juristische Hinweise freuen – denn wir alle profitieren davon. Die Opfer, √ľber die berichtet wird. Die interessierte √Ėffentlichkeit und die berichtenden Redaktionen.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.