Warum Vereine und Privatpersonen unwissentlich gegen Recht versto├čen

Urheberrecht: Sind Sie auch ein „Verbrecher“?

Gmund, 24. Juli 2012. (red/sg) Der nachfolgende Artikel darf von allen Mitgliedern von istlokal.de (Partner und Netzwerk) kostenfrei bei Nennung des Autors und der Quelle (istlokal.de) verwendet werden. (Zum Originalbeitrag hat sich eine lebhafte, inhaltlich wertvolle Debatte entwickelt.)

Von Steffen Greschner

Ist von der Urheberrechtsdebatte die Rede, wird oft von Musikpiraten, illegalen Filmdownloads und verarmten Schriftstellern gesprochen. Medienwirksam werden Verfahren gegen sogenannte Filesharing-Plattformen ausgeschlachtet. Pirate Bay, Kino.to, Megaupload.

Warum uns das im Tegernseer Tal betrifft? Weil der n├Ąchste „Verbrecher“ der TSV Bad Wiessee sein kann. Oder das Gymnasium Tegernsee. Oder jeder Einzelne von uns.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir sind nicht f├╝r eine komplette Abschaffung des Urheberrechts. Wir sind nur daf├╝r, dass das Thema breiter diskutiert wird, weil es eben gerade kein Thema ist, das nur „Verbrecher“ betrifft.

Diese Realschule hat laut Aussage alle Verlage um Erlaubnis f├╝r die Verbreitung der Presseartikel gefragt.

Es ist keines der Themen, bei denen der ber├╝hmte „unbescholtene B├╝rger“ keine Angst zu haben braucht. Sprechen wir ├╝ber das Urheberrecht, sprechen wir ├╝ber ein Recht, das jedem Einzelnen, vor allem denen, die das Internet nutzen, jeden einzelnen Tag zig Mal begegnet. In den meisten F├Ąllen, weil man es gerade unwissentlich verletzt.

Sie denken, wir ├╝bertreiben? Hier ein Beispiel:

Also, wenn das so weitergeht, k├Ânnen wir Everyday Feng Shui bald dicht machen. Flatterte uns doch am Dienstag ein Schreiben der ÔÇťRechtsanw├Ąlte f├╝r Kultur und EntertainmentÔÇŁ Schoepe, Fette, Pennartz, Reinke ins Haus. Die f├╝r Abmahnungen im Zusammenhang mit Karl-Valentin-Spr├╝chen einschl├Ągig bekannte M├╝nchner Rechtsanwaltskanzlei vertritt Frau Anneliese K├╝hn, die Enkelin und alleinige Rechtsnachfolgerin des ÔÇťnational wie international bekannten Komikers und AutorsÔÇŁ Karl Valentin.

Karl Valentin, dessen b├╝rgerlicher Name Valentin Ludwig Frey lautet, verstarb am 13.11.1948. Da das Urheberrecht erst 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlischt, hat Frau K├╝hn noch bis zum Jahre 2018 das Recht, ihre Anspr├╝che auf bew├Ąhrte Weise geltend zu machen.

Es ging dabei um einen Spruch von Karl Valentin, der auf der Webseite von „Everyday Feng Shui“ zitiert wurde. Zw├Âlf W├Ârter lang. Das macht 891,31 Euro sofort oder ein Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang.

Das Sch├Âne an dem Beispiel? Schon alleine das Beispiel, also das Zitat aus dem Feng-Shui-Blog, k├Ânnte die Tegernseer Stimme wiederum einiges an Abmahngeb├╝ren kosten, weil wir es einfach kopiert h├Ątten. Jetzt denken wir aber, dass der Feng-Shui-Blog sich eher dar├╝ber freut, dass wir ihn als Beispiel ausgew├Ąhlt haben, weil wir ihm so ja auch einige neue Leser ├╝ber die Links auf seine Webseite schicken. Logisch, oder?

Empfehlungen auf Facebook sind urheberrechtliche Grauzone

Und genau da h├Ârt leider das, was wir im allgemeinen Verst├Ąndnis heute als Logik bezeichnen, auf. Machen Sie, liebe Leser, beispielsweise andere darauf aufmerksam, dass wir hier einen guten Artikel geschrieben haben, indem Sie auf Facebook darauf verlinken, dann freut uns das. Wir bekommen mehr und neue Leser.

Rechtlich haben Sie damit (und durch den kurzen Textauszug, der auf Ihrem Facebook-Profil erscheint) aber theoretisch unser Urheberrecht verletzt, und wir k├Ânnten Ihnen ├╝ber unseren Anwalt eine Rechnung schicken.

Unsere Gedanken, unsere W├Ârter, unser Recht. So sieht es das Urheberrecht, das noch aus der Zeit stammt, als Sie zur Verbreitung unseres Artikels selbst die Druckerpresse h├Ątten anschmei├čen m├╝ssen.

Selbst das Zitatrecht w├╝rde Ihnen in dem Beispiel nicht viel nutzen, weil sie daf├╝r mindestens das Dreifache oder besser noch das Vierfache an Text selbst geschrieben haben m├╝ssten und unseren Textauszug nur als Zitat zur Untermauerung Ihrer aufgestellten These benutzen d├╝rfen. Zugegeben, wegen eines Links in Facebook wurde unseres Wissens nach noch niemand abgemahnt. Rechtlich sicher f├╝hlen sollte sich deswegen aber auch niemand.

Auch Vereine und Schulen brechen das Urheberrecht

Ganz anders und rechtlich in keinerlei Grauzone ist dagegen alles das, was viele Vereine, Schulen und Einzelh├Ąndler bei uns im Tal tagein, tagaus machen: Zeitungsartikel einscannen, die darauf verweisen, dass ├╝ber das letzte Sommerfest, die letzte Sportveranstaltung oder die letzte Verkaufsaktion berichtet wurde.

Oft wird zwar die m├╝ndliche Erlaubnis der Zeitung eingeholt. Oft aber eher allgemeing├╝ltig oder in Form eines Gewohnheitsrechts. Eine schriftliche Zustimmung der Zeitung werden die wenigsten haben. Meistens wird es ganz selbstverst├Ąndlich einfach gemacht. Es geht schlie├člich um den eigenen Verein, ├╝ber den da berichtet wird, oder um das Portr├Ąt ├╝ber den eigenen Laden.

Dieser Verein freut sich ├╝ber die W├╝rdigung der Presse. Ob um Erlaubnis f├╝r den eingescannten Artikel gefragt wurde? Unklar.

Rechtlich sind das aber ganz ohne Frage Urheberrechtsverletzungen, die richtig teuer werden k├Ânnen. Selbst das Bild, auf dem nur Sie zu sehen sind, geh├Ârt der Zeitung, wenn diese Sie fotografiert hat. Sie d├╝rfen „Ihr“ Bild noch nicht mal in Facebook hochladen.

Teilen geh├Ârt heute zum digitalen Alltag

Beispiele dazu gibt es inzwischen Tausende: Musiker, die daf├╝r abgemahnt werden, weil sie Rezensionen ihrer eigenen Alben auf der Webseite stehen haben. Schriftsteller, die f├╝r Buchrezensionen ihrer eigenen B├╝cher verklagt werden. Vereine, die Bilder ungefragt verwenden. Privatpersonen, die f├╝r Zitate aus Zeitungsartikeln auf ihren Blogs teure Schreiben vom Anwalt bekommen.

In heutigen Zeiten, in denen das digitale Teilen f├╝r viele von uns zum Alltag geh├Ârt, ist darum auch fast jeder vom Urheberrecht betroffen. F├╝r uns alle ist das sch├Ân, weil wir mehr mitbekommen, weil wir nicht f├╝r jeden einzelnen Artikel Geld bezahlen m├╝ssen.

F├╝r Unternehmen und Verlage, egal ob Musik- oder Presseverlage, ist das aus ihrer Sicht weniger gut. Denen geht dadurch Geld verloren. Vor allem im Vergleich zur sch├Ânen, alten Zeit, als Zeitung noch gedruckt und Musik auf CDs gepresst werden musste und jeder Einzelne daf├╝r viel Geld bezahlen musste.

Die momentan gef├╝hrten Debatten sind aus dem Grund auch meist bestimmt von den Rechteinhabern, wie den Zeitungsverlagen, die ├╝ber diese Themen berichten.

Die auf den ersten Blick einfache ├ťbernahme des bestehenden Urheberrechts in das digitale Zeitalter h├Ątte allerdings verheerende Folgen f├╝r jeden Einzelnen von uns. Vieles von dem, was heute im Internet als ganz normal erachtet wird, w├Ąre damit, noch mehr als heute, mit hohen Geldstrafen verbunden. Teilen von Information w├╝rde damit fast unm├Âglich.

Das Urheberrecht muss sich der Lebensrealit├Ąt anpassen

Einen ersten Ausblick geben die „Lizenzen“, die heute mit eBooks oder Musik erworben werden. Ein Buch oder eine CD an den Nachbarn verleihen? Ginge es nach den Rechteinhabern, w├Ąre das in Zukunft ann├Ąhernd unm├Âglich. Ihr Buch haben Sie f├╝r Ihren eReader gekauft. Ihre CD f├╝r Ihren Computer oder MP3-Player. Wollen Sie es verleihen, m├╝ssen Sie bittesch├Ân das komplette Ger├Ąt verleihen – nur das „Digitale“ verleihen geht nicht.

Im alten Denken w├Ąre das so gewesen, als ob Sie entweder Ihr komplettes B├╝cherregal oder die ganze Stereoanlage verleihen, oder eben gar nichts. Nur weil es der „Rechteinhaber“ so m├Âchte. Dass das keinen Sinn macht und an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht, ist dabei unwichtig.

Hierf├╝r L├Âsungen zu finden, ist die Aufgabe einer Neuregelung des Urheberrechts. Wie zum einen die Rechte der Urheber, zum anderen aber auch der den Nutzern logisch erscheinende Umgang mit dem gekauften Eigentum.

Das Gleiche gilt auch mit Ihren Entdeckungen beim St├Âbern und Lesen im Internet und wie damit umgegangen wird. Oder ganz platt gesagt: Es geht darum, ein Urheberrecht zu definieren, das sich an der aktuellen Lebensrealit├Ąt der Gesellschaft orientiert, anstatt die Lebensrealit├Ąt den Gesch├Ąftsmodellen der Urheber anzupassen.