Standpunkt zum Ende der FTD

Good Night and Good Luck

Good Night and Good Luck – David Straithaim spielt den herausragenden Reporter Edward R. Murrow. Der wird zweifaches Opfer: Einerseits der Unterhaltung und andererseits des Lungenkrebs – selbstverschuldet. Foto: Filmtrailer

 

Mannheim, 24. November 2012. (red) Die Financial Times Deutschland wird am 07. Dezember 2012 zum letzten Mal erscheinen. Danach werden vermutlich rund 320 Mitarbeiter entlassen. Die Frankfurter Rundschau ist nun offiziell pleite. In Mannheim wird am 27. November die letzte Ausgabe eines der Ă€ltesten Stadtmagazine in Deutschland, „Meier“, erscheinen. In NĂŒrnberg wird die Abendzeitung dicht gemacht. Der Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung muss ĂŒber drei Millionen Euro einsparen (wie viele Stellen sind das?) und der Chefredakteur des DarmstĂ€dter Echo muss gehen, weil er SparplĂ€ne des Verlags nicht umsetzen wollte. Es stehen harte Zeiten bevor.

Von Hardy Prothmann

Was ist in den vergangenen Tagen nicht alles ĂŒber die Bedeutung der Zeitung, die Fehler der Zeitung und die Zukunft der Zeitung geschrieben worden. Die Niggemeiers dieser Republik (also die Medienjournalisten) haben sich am Thema abgearbeitet. Und Print-Chefredakteure haben kondoliert und sich und anderen Mut zugesprochen.

Wer sich fĂŒrs Thema interessiert, hat das alles gelesen, viel redundantes gefunden, das sich nicht viel anders liest als andere Texte aus den Jahren zuvor. Bis auf die Tatsache, dass Zeitungen nicht nur vermutlich eingestellt, sondern konkret abgewickelt werden.

Was die „Analytiker“ nicht im Blick haben, weil sie offensichtlich keine Recherche beherrschen, ist ein bereits seit fast sechs Jahrzehnten andauernder Trend. 1954 gab es 225 so genannte „publizistische Einheiten“. Damals von 624 Verlagen herausgegeben. Heut sind es noch rund 130 „publizistische Einheiten“ und die Zahl der Verlage liegt bei rund 350.

In den vergangenen 60 Jahren hat ein enorm starker Konzentrationsprozess im Zeitungsmarkt stattgefunden, der noch stĂ€rker wĂ€re, wenn die Zeitungen nicht deutschlandweit an ihre kartellrechtlichen Grenzen gestoßen wĂ€ren. Wachstum gibt es schon lange keins mehr. Wohl aber zementierte monopolistische Kartellstrukturen, die all das Geblubber von „QualitĂ€tsjournalismus“ und „Meinungsvielfalt“ verhöhnen. GĂ€be es das Bundeskartellamt nicht, wĂ€ren vermutlich nur noch 100 Verlage ĂŒbrig und die „publizistischen Einheiten“ lĂ€gen lĂ€ngst unterhalb der Zahl 100.

Die taz ist 1978 die letzte originĂ€re TageszeitungsgrĂŒndung. Seitdem krebst sie rum. Aber seitdem ĂŒberlebt sie – ohne gravierende Schulden. Und gilt als journalistisch top. Die taz-Genossenschaft ist gegenĂŒber dem Großverlag Gruner + Jahr noch nichtmal eine „kleine Klitsche“, sondern ein Staubkorn. Aber eins, das juckt. Immer wieder.

Die FTD ist ein kapitalistisches Produkt der Marktmacht. Die Zeitung war ein Angriff auf das Handelsblatt. DafĂŒr wurde mĂ€chtig investiert. 250 Millionen sollen es gewesen sein. Das war ein Wirtschaftskrieg. Bertelsmann vs. Holtzbrinck. Bertelsmann besitzt 74,9 Prozent am Verlag Gruner + Jahr, 25,1 Prozent gehören der Verlegerfamilie Jahr. Und die einflussreiche Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck war einst MarktfĂŒhrer bei Wirtschaftsmedien. Der Krieg ist lĂ€ngst vorbei, nicht erst, weil die FTD aufgibt. Der Kampf ist fĂŒr beide verloren, denn auch das Handelsblatt ist mĂ€chtig angeschlagen. Das Problem auf dem Schlachtfeld war ein unbekannter Akteur: Das Internet.

Ein aus Sicht der Printmedien „unberechenbarer Feind“. Der ĂŒberall auftauchte, immer da war und doch nicht zu fassen. Und komplett unterschĂ€tzt worden ist. Im Jahr 2000 (keine Garantie, das recherchiere ich jetzt nicht) erklĂ€rte mir der damalige GeschĂ€ftsfĂŒhrer der FAZ, Jochen Becker, dass man das Internet „gelassen“ sehe. Kein bedeutendes Unternehmen wĂŒrde auf „reprĂ€sentative Stellenausschreibungen“ verzichten. Kurz drauf machte die FAZ zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Verlust und Herr Becker musste sich einen neuen Job suchen.

Die Zeitungen verloren die drei Goldmilchspritzen, die RubrikenmĂ€rkte Auto, Stellenanzeigen und Immobilien ans Internet und mussten sich teuer wieder einkaufen. Gleichzeitig gingen die Auflagen der lokal-regionalen Zeitungen nach dem historischen Höchststand von ĂŒber 27 Millionen Exemplaren im Jahr 1991 auf aktuell noch rund 14 Millionen zurĂŒck. Noch dramatischer: Eine Quelle berichtete mir, die Zeitungen seien aktuell im AnzeigengeschĂ€ft auf dem Umsatzniveau von 1988.

Das ist brutal. Und das wird weitere Opfer fordern. Aktuell hat es zwei ĂŒberregionale Zeitungen „erwischt“, die FTD und die Frankfurter Rundschau. Als nĂ€chstes werden regionale Zeitungen „dran glauben mĂŒssen“. Die NĂŒrnberger Abendzeitung ist nur der Anfang.

„Kriegsmetaphern“ sind schrecklich im Journalismus. Aber hier passen sie. Weil seit Jahren Krieg herrscht.

Das klingt alles sehr pessimistisch. TatsĂ€chlich ist es oftmals pervers. Denn die meisten Verlage haben nach vielen goldenen Jahren mit teils Umsatzrenditen von ĂŒber 20 Prozent immer noch viel Geld in der Kasse, aber keine Ideen, wie sie das ordentlich investieren.

Mit der Einstellung der FTD verlieren rund 320 von 350 Mitarbeitern ihren Job. Das ist bitter fĂŒr jeden einzelnen. Noch verzweifelter ist die Frage, wie es nach der Niederlage weiter gehen soll. Der Markt fĂŒr Wirtschaftsjournalisten ist aktuell alles andere als „boomig“.

Vielleicht nehmen die vielen kompetenten Kollegen ja selbst das Heft in die Hand und versuchen ihr eigenes GlĂŒck. Genau da, wo der vermeintliche Feind sitzt. Im Internet.

Denn dort gibt es seit einigen Jahren viele NeugrĂŒndungen. Ganz klar mit großen Herausforderungen – es ist schwer, dort aus Verlagssicht Geld zu verdienen. Vor allem, weil die Verlage alles, wirklich alles, versucht haben, um den Markt zu beschĂ€digen.

Aber auch hier gilt. Der Markt ist immer und stÀndig da und lÀsst sich nicht bekÀmpfen. Gestalten hingegen schon.

Der große Zukunftsmarkt ist lokal und regional. Denn keine große Organisation ist mĂ€chtig genug, hier einzudringen. Die Kleinteiligkeit lĂ€sst sich nicht industrialisieren. Unser Netzwerk wĂ€chst, die UmsĂ€tze auch. Wir sind bescheiden, investieren und bauen aus. Als unabhĂ€ngiger Teil des Netzes und gleichzeitig Mitglied einer Gemeinschaft, die einsieht, dass Monopole sich irgendwann selbst erledigen.

Im grandiosen Film „Good Night and Good Luck“ wird der herausragende Journalist Edward R. Murrow in Szene gesetzt, der leider viel zu frĂŒh gestorben ist, aber Geschichte geschrieben hat. Mit seiner Leidenschaft fĂŒr Journalismus. Mit seinem Kampf gegen eine menschenverachtende Politik des Senators Joseph McCarthy. Seine Sendung „Good Night and Good Luck“ ist eine Metapher. Eine positive des Guten.

Murrow ist ein frĂŒhes Opfer der Unterhaltungsindustrie und starb selbstverschuldet an Lungenkrebs.

Ich bin zuversichtlich, dass gehaltvoller, guter Journalismus vor Ort fĂŒr die Menschen nicht ersetzbar ist. Denn das Netz ermöglicht neue Chancen, die es davor noch nie gegeben hat.

Wer gute Konzepte hat, diese konsequent verfolgt, wird mit großer Sicherheit Erfolg haben. Man muss sich der Konkurrenz des völlig offenen Netzes stellen. Also dem Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Und wenn man nicht „beliebig“ ist, wie viele Monopolmedien es sind, hat man allerbeste Chancen.

Es geht weiter. Irgendwie. Aber ganz klar im Internet. Da ist man dabei oder auch nicht.

Deswegen: Good Night and Good Luck!

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.