Wie die Rhein-Zeitung Social Media einsetzt

„Dann twittert mal…“

Lars Wienand (38) ist Social Media-Redakteur der Koblenzer Rhein-Zeitung. Foto: Rhein-Zeitung

 

Mannheim/Koblenz, 14. Febraur 2013. (red) Viele Tageszeitungen tun sich nach wie vor schwer mit dem Internet – insbesondere Social Media. Ganz anders die Rhein-Zeitung. Anfang 2009 gab Chefredakteur Christian Lindner die Devise aus: „Twittert mal…“ Der bis dato fĂŒr die Rheinland-Pfalz-Seite zustĂ€ndige Redakteur Lars Wienand twitterte, entdeckte das Medium fĂŒr sich, schaltete im Sommer Facebook dazu und wurde im Herbst dann Social Media-Redakteur, weil die Aufgaben zu umfangreich wurden, um sie „nebenbei“ zu erledigen. Im Interview erklĂ€rt er, wie die Zeitung Social Media einsetzt, was Vor- und Nachteile sind und wie der Kontakt mit den Leser/innen die Inhalte und den Journalismus beeinflusst.

Interview: Hardy Prothmann

Die Rhein-Zeitung hat Ende 2012 Kontakte ĂŒber Facebook gesucht, die etwas ĂŒber die BeschĂ€ftigungsbedingungen und – erfahrungen bei Amazon sagen können. Wie viele potenzielle Quellen haben sich gemeldet?
Lars Wienand: Etwa ein Dutzend. Der Text zum Thema ist ja schon tags darauf erschienen – und einige hatten sich auch erst danach gemeldet. Wir haben dann Anfang des Jahres noch eine sehr ausfĂŒhrliche Mail bekommen, die aber inhaltich eigentlich nichts Neues enthielt. Im Anschluss haben sich auch noch zufriedene Amazon-Mitarbeiter gemeldet.
http://www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-Viele-Mitarbeiter-bei-Amazon-in-Koblenz-sind-jetzt-wieder-raus-_arid,532916.html

7.500 Fans sind ein „Ansage“.

Wie viele Quellen “taugen” nach Eurer Erfahrung etwas?
Wienand: Das hĂ€ngt stark vom Thema ab. Wenn es ein leichtes Erdbeben gab – wo wir beispielsweise sofort Erfahrungen abfragen, dann taugt auch die Dame, die sagt, dass Ihr Hund eine halbe Stunde vorher bereits verrĂŒckt gespielt hat, fĂŒr einen Satz – ohne weitere ÜberprĂŒfung. Wenn aber eine Frau berichten will, dass Ihr Nachbar ihr von unhaltbaren skandalösen ZustĂ€nden bei Amazon erzĂ€hlt hat, dann bitten wir sie um VerstĂ€ndnis, dass wir das schon vom Nachbarn selbst hören möchten. Mit dem Gewicht einer Nachricht oder von VorwĂŒrfen wachsen auch die Anforderungen an die Quelle und der Aufwand, die GlaubwĂŒrdigkeit zu checken. Aber das ist ja schon seit jeher so oder sollte so sein.

Infos, Fotos, Videos – die Leser liefern

Seit wann sucht die RZ Informanten ĂŒber Facebook?
Wienand: „Informanten“ klingt so konspirativ. wir suchen Hilfe, Tipps und Hinweise – und das nicht erst, seit wir auf Facebook sind. Unsere Redaktion Idar-Oberstein hatte ĂŒber ihre WKW- Gruppe nicht nur einen intensiven Austausch ĂŒber das Thema angestoßen, sondern auch Betroffene gefunden, die bereitwillig erzĂ€hlten. Auf Google+ haben wir gerade erst eine Fotocommunity https://plus.google.com/u/0/b/101258985315587087614/communities/106540754396918751190 gegrĂŒndet, in die Bilder gepostet werden können, die Leser uns zur Veröffentlichung anbieten. Beim jĂŒngsten Hochwasser kamen einige der ersten Fotos von dort: http://www.rhein-zeitung.de/bilder/bilder-regional_costart,16_mmid,15888.html#pic. Diese fantastische Bildergalerie ist vorwiegend ĂŒber Fotos aus Twitter und Instagram entstanden:  http://www.rhein-zeitung.de/bilder_costart,1_mmid,15315.html#pic

Ist potenziell jedes Thema geeignet oder hÀngt das auch von der Bereitschaft der Redakteure ab, sich mit Internetnutzern abzugeben?
Wienand: Ich habe das naturgemĂ€ĂŸ ganz anders auf dem Radar als Kollegen, deren Arbeit nicht vordringlich um Soziale Netzwerke kreist. Umgekehrt haben wir 14 Lokalausgaben, deren Themen ich nicht alle auf dem Radar haben kann. Beim Fall Amazon war es so, dass die Kollegin, die ĂŒber den Fall berichten wollte, von der @RZKoblenz aus einen Tweet http://twitter.com/rzkoblenz/status/284362618448277504 abgesetzt hat, den ich gesehen und zum Anlass genommen habe, sie zu fragen, ob wir da nicht das große Rad drehen wollen. Amazon ist auch ein in der Region so prĂ€sentes Thema, dass ich es ĂŒber den Facebook-Account der Lokalausgaben UND ĂŒber den Hauptaccount spielen konnte. Unser Verbreitungsgebiet ist sehr heterogen. Wenn ich als Rheinzeitung teile, dass die Lokalausgaben Betzdorf am nordöstlichen Rand anlĂ€sslich des Aus fĂŒr ein Freibad Erinnerungen zusammentragen will, dann passt das NICHT zum Hauptaccount. Die Bereitschaft ist in der Regel groß – sicher nicht bei allen Kollegen, aber bei den Redaktionen insgesamt schon. Nicht alle Kollegen agieren bei Facebook – aber das mĂŒssen sie auch nicht, wenn sie wissen und im Sinn haben, dass es Facebook gibt und was sich dort abspielt. Das ist auch mit YouTube nicht anders.

Social Media – aber richtig

Gibt es Beispiele fĂŒr Themen, bei denen sich besonders viele Menschen gemeldet haben und umgekehrt wenige bis gar keine?
Wienand: Stelle ich eine Frage zu einem Thema, das nicht alltĂ€glich ist und mit dem dennoch viele vertraut sind, bekomme ich die meisten RĂŒckmeldungen. Fragen vom Typ  „Und, wie feiert Ihr Weihnachten“ werden nach meinem Eindruck von vielen einfallslosen Social-Media-Managern von Marken gestellt und ermĂŒden. Umgekehrt gilt auch: Je komplexer und politischer das Thema, umso schwieriger ist es nach meinem Eindruck, RĂŒckmeldungen zu erhalten. Ich muss da manchmal die Erwartungen der Kollegen bremsen, wenn die auf eine Twiskussion zu einem Thema spekulieren. Ich mag aber keine Antworten abfragen, die wir dann doch nicht veröffentlichen, weil nicht genĂŒgend RĂŒckmeldungen eingehen. Damit verbrenne ich mir das Instrument.

Liegt das am Thema oder an anderen Faktoren?
Wienand: Es gibt unabhÀngig von der Tauglichkeit eines Themas auch den Faktor schlechtes Timing.

Wollen die Quellen Schutz?
Wienand: AbhÀngig vom Thema. Wer uns etwas brisantes steckt: ja, in der Regel. Aber so ein Fall ist ja nicht die Regel.

Wie verfÀhrt die RZ nach einer Kontaktaufnahme weiter?
Wienand: Wenn wir von einer Quelle mehr möchten als einen Tipp, bitten wir um eine Telefonnummer oder telefonische Kontaktaufnahme, um dann mehr besprechen zu können.

Wie oft nutzt Ihr mittlerweile Social Media fĂŒr die Berichterstattung in der Zeitung?
Wienand: Im Prinzip tĂ€glich. Wir lesen Tweets, die uns neugierig machen, fragen dort nach oder fragen in den Schwarm, ob andere Ă€hnliches erlebt haben. Wir bekommen eigentlich auch tĂ€glich Hinweise zu laufenden Polizei- oder FeuerwehreinsĂ€tzen. Manche Polizeidienststellen sind schon twittergenervt, weil es vorkommt, dass wir anrufen, ehe Kollegen ĂŒberhaupt an der Einsatzstelle sind.

VerÀnderter Entstehungsprozess

Die Rhein-Zeitung ist eine der grĂ¶ĂŸten FlĂ€chenzeitungen Deutschlands mit einer Auflage von rund 200.000 Exemplaren und erscheint mit 14 Lokalausgaben.

Was ist der Unterschied zu frĂŒher?
Wienand: Vieles ist journalistisches Handwerk wie eh und je: Themen erkennen und bewerten, Quellen einordnen. VerĂ€ndert hat sich aber, dass der Entstehungsprozess transparent ist, dass eigentlich Unbeteiligte auch mit Ihren Hinweisen und Fragen Einfluss nehmen. Journalismus ist viel stĂ€rker im Fluss und wird durch RĂŒckmeldungen bereichert. Eindrucksvolles Beispiel: Wir twittern eine Meldung von einer Kollision eines Autos mit einem Traktor https://mobile.twitter.com/RZKoblenz/status/287875407603183616 . Umgehend kommt die RĂŒckmeldung einer Leserin (protected Account, zu sehen sind im Tweet nur Antworten auf sie), die fragt, ob die autobahnĂ€hnlich ausgebaute Straße fĂŒr Traktoren zugelassen ist. Wir sind uns unseins, und posten das auch bei Facebook: https://www.facebook.com/rheinzeitung/posts/524762977548241  WĂ€hrend ein Kollege bei der Polizei nachfragt, kommt die erste EinschĂ€tzung – der Traktor darf nicht. Wir lösen dann auf, wie es sich vermeintlich nach Auskunft der Polizei verhĂ€lt. Mehrere RĂŒckmeldungen u. a. von einem Fahrlehrer machen deutlich, dass die Auskunft der Polizei falsch war. Wir rufen noch einmal an, korrigieren den Text und machen auch den Prozess transparent: http://www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-B9-Traktor-von-Pkw-erfasst-_arid,535592.html  Der Zugriff auf das InformationsbedĂŒrfnis (DĂŒrfen da Traktoren fahren?) und die Expertise (Auskunft der Polizei ist falsch!) vieler Quellen macht uns besser. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Es nimmt auch die Zahl der Hinweise zu, die sich interessant anhören, sich aber bei Nachfragen in Luft auflösen.

Gibst Du das an die Printkollegen weiter oder verwalten die Printler selbst die Threads?
Wienand: Ich bin da fĂŒr unsere Mantelredaktion und vereinzelt auch fĂŒr Lokalredaktionen der Dienstleister. In der Regel ist es aber so, dass Lokalredaktionen es selbst im Auge behalten und verwalten, wenn sie etwas anstoßen. Noch ein Wort zur Fragestellung: Viele Kollegen der Lokalredaktionen sind auch keine klassischen Printler mehr – sie erstellen Inhalte, unabhĂ€ngig vom Vertriebsweg. Und stellen ihre Texte mit einem Klick auch selbst online. Es ist aber so, dass die natĂŒrlich nicht in der Tiefe und auch immer in der Geschwindigkeit die Sozialen Medien im Blick haben können wie ich. Ich habe also auf meinem iPhone die Twitter-Accounts aller Lokalausgaben und bekomme Pushmeldungen bei Mentions und DirectMessages… Und ich schaue auch hĂ€ufiger mal auf die einzelnen Facebookseiten.

Welche Erwartungen haben die Informanten?
Wienand: Das ist eine Frage, die man sicher an die Informanten stellen sollte. Ich denke, bei den Motiven der Informanten hat sich ĂŒber die vergangenen Jahrzehnte wenig geĂ€ndert – nur die Möglichkeiten des Kontakts und der Übermittlungen haben sich geĂ€ndert. Die HĂŒrde, auf einen Aufruf bei Facebook zwei SĂ€tze zu schreiben, ist sicher auch deutlich niedriger als bei einem Medienbruch – wenn ich nach einem Printartikel zum Telefonhörer greifen, einen Brief, eine E-Mail oder ein Fax schreiben soll. Insofern hat sich Motivation vielleicht doch etwas geĂ€ndert, ich muss keinen hohen Leidensdruck oder Empörungsgrad aufbringen oder etwas sehr SpektakulĂ€res erlebt haben, um mich zu melden. So ist es auch einfacher geworden, an Hinweisgeber zu kommen.

Sind das unbedingt Zeitungsabonnenten? NĂŒtzt Crowdsourcing, um Abonnenten zu gewinnen oder zu halten?
Wienand: Mir liegen dazu keine Zahlen vor. Aber ich denke schon, dass ein Medium, das signalisiert, dass ihm die Hinweise seiner Leser wichtig ist, damit etwas zur Bindung an die Marke beitrĂ€gt – unabhĂ€ngig vom Vertriebsweg. Und wenn ein Aufruf von uns, dass wir Hinweisgeber suchen, eifrig geteilt wird, dann bringt das auch ganz andere Kreise in BerĂŒhrung mit der RZ. Es ist zugleich auch ein Teaser fĂŒr die Berichterstattung, die dann schon mit Spannung erwartet wird. Im Fall von Amazon war der Text kaum online, da hat ihn schon die erste Leserin gepostet.

Welche Fehler kann man beim Crowdsourcing machen?
Wienand: Welche Fehler kann man im Journalismus machen? Die kann man auch beim Crowdsourcing machen – ich sehe da keine Unterschiede.

Nicht jeder Aufruf zĂŒndet

Was sollte man unbedingt beachten?
Wienand: In meinen Augen sollte man sich nicht entmutigen lassen, wenn ein Aufruf nicht zĂŒndet – und dann mit einem Dank an die, die sich gemeldet haben, transparent machen, dass bei so wenigen RĂŒckmeldungen aus der geplanten Berichterstattung in der Form nichts wird.

Was war bislang die erfolgreichste “crowdgesourcte” Geschichte?
Wienand: Ich tue mich schwer, mich da auf eine festzulegen. Am meisten bereichert hat uns sicher eine Sammlung von eindrucksvollen Videos bei einem Unwetter – der Artikel http://www.rhein-zeitung.de/startseite_artikel,-Amateurvideos-So-heftig-waren-Hagel-Sturm-und-Gewitter-_arid,296203.html hatte auch mehr Abrufe als ein Text ĂŒber ein Todesopfer durch einen umgestĂŒrzten Baum bei dem Unwetter. Allerdings waren da nur zwei Drittel der Videos aktiv an uns herangetragen worden, wir haben aber auch gezielt gesucht. Ganz einleuchtend wird der Erfolg von Crowdsourcing, wenn es mit einer großer Arbeitserleichterung einhergeht: Als die Meldung auftauchte, dass Tankstellen jetzt Geld fĂŒr Luft in Reifen verlangen, haben wir unsere Follower gefragt – und hatten fĂŒnf Minuten spĂ€ter zwei FĂ€lle von Tankstellen in unserem Verbreitungsgebiet. Die Suche wĂ€re ohne diese Hilfe wohl sehr mĂŒhsam gewesen. Das zeigt, dass Social Media nicht nur Arbeit, sondern auch Arbeitserleichterung bedeuten kann.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (49) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.