Warum eine Mitgliedschaft beim Presserat sinnvoll erscheint

Freiwillige Selbstkontrolle

Gmund/Mannheim, 31. Oktober 2013. (red) Der Deutsche Presserat ist als Organ der Selbstkontrolle der Presse bislang auf Print fixiert – obwohl man seit 2009 die Tätigkeit auch auf Telemedien erweitert hat. Zur Zeit wirbt der Presserat um neue Mitglieder und öffnet sich damit aktiv in einer sich verändernden Medienlandschaft. Neue journalistische Angebote wie die aus dem Istlokal-Netzwerk sollten die Möglichkeit nutzen, sich einzubringen. Ein Versuch ist es wert.

Von Hardy Prothmann

Sie vertreten hochwertige, journalistische Produkte. Sie haben den Anspruch, guten, kritischen Journalismus für ihre Leser zu bieten. Ein Merkmal von Qualitätsjournalismus ist die Einhaltung des Pressekodex, den Journalisten und Verleger, die im Deutschen Presserat organisiert sind, gemeinsam entwickelt haben und stetig fortschreiben. (…) Als zukunftsorientes Online-Medium mit hohem journalistischem Anspruch möchte ich Sie gern für diese Selbstkontrolle gewinnen.

Das schreibt der Geschäftsführer des Presserats, Lutz Tillmanns, beispielsweise meiner Redaktion. Die Anschreiben an andere Angebote dürften ähnlich sein. Die Offerte ist bemerkenswert: Erstens, weil die neue „digitale Presse“ von verlagsunabhängigen Angeboten im Vergleich zur überwiegend monopolistischen Printpresse noch sehr „unbedeutend“ ist und zweitens, weil hier einer aufkommenden Branche frühzeitig eine zukunftsorientierte Bedeutung gegeben wird.

Ärger vorprogrammiert

Eine Mitgliedschaft beim Deutschen Presserat wird zunächst nur (überschaubare) Kosten mit sich bringen und eventuell auch „Ärger“. Denn mit dem Beitritt verpflichtet man sich auf die Einhaltung des Pressekodex und genau hier liegt eins der Probleme.

Der Pressekodex ist ein insgesamt praxisbezogener Leitfaden, an dem sich journalistische Qualitätsangebote orientieren können. Aber: Er ist für Printprodukte entworfen und erfasst leider nicht die „neue digitale“ Publikationswelt umfassend und zutreffend. Ein Beispiel ist der Umgang mit Leserbriefen – die heißen online Kommentare. In der Richtline 2.6 – Leserbriefe, Absatz 3 heißt es:

Bestehen Zweifel an der Identität des Absenders, soll auf den Abdruck verzichtet werden.

Selbst solche kleinen Sätze haben es in sich. Um tatsächlich nicht nur die Printpresse zu repräsentieren, sondern auch Telemedien, müsste das Wort „Abdruck“ durch „Veröffentlichung“ ersetzt werden, weil online eben nicht Druck ist. Entscheidender aber ist der Umgang mit anonymen Kommentaren – die werden von den allermeisten Telemedien erlaubt. Entscheidend ist nach Auffassung der neuen Angebote nicht ein „identifizierbarer Absender“, sondern der Inhalt.

Redaktionen, die auf diese Prüfung der „Identität des Absenders“ verzichten, verstoßen somit gegen diese Richtlinie des Pressekodex. Je nach Thema und Zahl der Kommentare kann das schnell sogar ein dutzendfacher Verstoß werden. Wie geht man damit um? Sollte es hier zu Rügen kommen, würde ich beispielsweise die Haltung einnehmen, dass ich diese Richtlinie für unsinnig halte und mich nicht gebunden fühle. Und schon stellt sich die Frage, ob eine Mitgliedschaft sinnvoll sein kann, wenn man gewisse Richtlinien und Ziffern nicht akzeptiert. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Anpassungen sind also notwendig und müssen von den Mitgliedern im Trägerverein akzeptiert und zügig umgesetzt werden.

Partizipation erforderlich

Um die publizistischen Realitäten der Telemedien praxistauglich im Sinne der Selbstkontrolle anwendbar zu machen, wird es einige Veränderungen am Pressekodex geben müssen. Hier folgt das nächste Problem: Mitglieder des Trägervereins des Presserats sind der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, der Verband der Zeitschriftenverleger, verdi und DJV. Die neuen Telemedien sitzen in den entscheidenden Gremien nicht am Tisch und haben keine Stimme.

Wenn der Presserat sich für Telemedien öffnen möchte, dann muss er auch Partizipation auf organisatorischer Ebene zulassen und ermöglichen. Sicher – alles auf einmal ist vielleicht zu viel verlangt, aber mittelfristig muss dies in den kommenden Jahren erfolgen.

Bis dahin ist anzuerkennen, dass Herr Tillmanns sich interessiert zeigt und zum Gespräch einlädt. In der kommenden Woche gibt es in Berlin ein Treffen zwischen Tillmanns und Referenten des Presserats mit Vertretern von Telemedien. Christopher Zeuch von Altona.info wird daran teilnehmen, ebenso wie die Istlokal-Mitglieder Philipp Schwörbel von den Prenzlauerberg-Nachrichten.de und Steffen Greschner für die TegernseerStimme.de.

Ziel muss Qualitätsförderung sein

Hier werden erste Gespräche geführt und Informationen ausgetauscht. Partiziptation heißt auch aktive Teilnahme. Deswegen ist der erste Schritt die Mitgliedschaft beim Presserat, was auch imagemäßig unsere Angebote stärker macht, da der Presserat die qualitativ hochwertige Ausrichtung unserer Angebote bestätigt. Und dann folgt die Arbeitsphase: Wir Istlokaler und andere Telemedien müssen den Pressekodex intensiv prüfen und auf notwendige Veränderungen drängen. Ganz klar mit dem Ziel, Qualitätsmaßstäbe zu definieren und sich diesen freiwillig zu unterwerfen.

Man darf gespannt sein, wie sich diese Zusammenarbeit entwickelt – entscheidend wird sein, ob sich die Telemedien in „angemessener Form“ einbringen können und deren Positionen auch öffentlich thematisiert werden. Wenn dem so ist, ist eine Mitgliedschaft sinnvoll und zielführend. Wenn nicht, kann man wie das Netzwerk Recherche einen eigenen Kodex entwerfen, der die notwendigen Qualitätsanforderungen  definiert.

Aktuell steht das Angebot des Presserats – einen Versuch der Mitwirkung ist es wert. Deswegen empfehlen wir für die Angebote im Istlokal-Netzwerk die Mitgliedschaft beim Presserat.

Wir sammeln gerne Anregungen zum Pressekodex, um diese zu bündeln. Einfach an kontakt@istlokal.de schreiben.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.