Wolfgang Jaschensky zum SZ online-Projekt "Die Recherche"

Die Leser ernst nehmen

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Ambitioniertes Projekt: Wenn Journalisten auf Leser treffen, wird die Arbeit intensiv. „Die Recherche“ hat ĂŒberdurchschnittliche Aufmerksamkeit erhalten. Quelle: www.sueddeutsche.de

 

Gmund/Mannheim/MĂŒnchen, 12. Dezember 2013. (red/ld) Die SĂŒddeutsche Zeitung online hat mit „Die Recherche“ ein neues Format gewagt und das Ergebnis war viel Arbeit – die hat sich gelohnt, sagt Wolfgang Jaschensky, Homepage-Chef Innovative Digitalprojekte. Die Leser haben gute Fragen und viele sind Experten – eine ideale ErgĂ€nzung zur redaktionellen Arbeit und Recherche.

Interview: Lydia Dartsch

Mit dem Projekt „Die Recherche“, das Sie seit Juni betreuen, wollen Sie stĂ€rker auf die Interessen Ihrer Leser eingehen. Welche Idee steckt dahinter?

Wolfgang Jaschensky: Wir wollten unsere Leser noch stĂ€rker bei unserer Arbeit einbinden und sie fĂŒr die Leser transparent machen. Wir beziehen sie also von Anfang bis Ende in den Prozess mit ein. Da prĂ€sentieren wir ihnen auch Zwischenergebnisse und fragen nach weiteren Hinweisen.

Die Leser haben viel beizutragen

Wie kam es denn zu der Idee, den redaktionellen Prozess fĂŒr die Leser zu öffnen?

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Wolfgang Jaschensky. Foto: SZ

Jaschensky: Die Idee kam von meiner Kollegin Sabrina Ebitsch in einem redaktionsinternen Ideenwettbewerb. Im Kern steht die einfache Erkenntnis, dass wir Leser im Netz viel stÀrker einbeziehen können. Wenn wir mit ihnen kommunizieren und interagieren, erhalten wir von ihnen viel direkteres Feedback, als man es von den klassischen Medien, also in Zeitungsredaktionen, kennt. Das kann man in den Kommentaren unter den Artikeln im Internet lesen: Da gibt es Leute, die ganz viel beizutragen haben und welche, die gute Fragen stellen.

Wie lÀuft der Austausch mit den Lesern in dem Projekt ab und wie wird das redaktionell umgesetzt?

Jaschensky: Wir versuchen, auf ganz vielen KanĂ€len zugĂ€nglich zu sein: Also ĂŒber Facebook, Twitter, per Mail und ĂŒber die Kommentarfunktion unserer Seite.

Beschreiben Sie bitte, wie Sie und Ihre Kollegen dabei vorgehen.

Jaschensky: Der erste Schritt ist immer herauszufinden, was die Menschen interessiert. Dazu fragen wir auf unserem Blog und in den sozialen Medien immer gezielt nach: Welches Thema sollen wir als nÀchstes recherchieren?

Welche RĂŒckmeldung bekommen Sie dann auf Ihre Nachfragen?

Jaschensky: Ganz viele und auch sehr umfassende Antworten verschiedenster Art: Die einen Leser wollen die Welt erklÀrt bekommen, andere wollen Probleme gelöst haben. Wir filtern die Fragen dann danach, welche die meisten Leser interessieren oder betreffen. So kamen wir beispielsweise auf das Thema Steuergerechtigkeit.

Und sie bekommen auch viele Fragen zu anderen Themen. Wie gehen Sie bei der Auswahl vor?

Jaschensky: Wir arbeiten die drei drÀngendsten Themen heraus und stellen sie unseren Lesern zu Abstimmung. Wir recherchieren dann das Thema, das die meisten Stimmen bekommen hat. Das dauert mehrere Wochen und es entstehen dabei viele Texte, aber auch ErklÀrvideos, Live-Chats oder interaktive Grafiken dazu. Und auch da binden wir die Leser mit ein.

Wie können die Leser Ihrem Team bei der Recherche helfen?

Jaschensky: Zum einen fragen wir nach, was unsere Leser an dem Thema am meisten interessiert. Dann kann man zu Teilaspekten der Themen recherchieren und dazu einen Text schreiben. Und es melden sich auch GesprÀchspartner. Beim Thema Steuergerechtigkeit hatten wir beispielsweise gefragt, ob Leser ihre Steuer-Geschichte erzÀhlen wollten. Viele haben sich bereit erklÀrt, Ihre SteuererklÀrung und EinkommensverhÀltnisse offenzulegen und zu erzÀhlen, ob sie damit klar kommen, und ob sie das gerecht finden.

„Wir streben einen richtigen Austausch an“

Worin sehen Sie den großen Unterschied zu den Kommentaren unter Online-Artikeln?

Jaschensky: Dort kann man oft beobachten, dass umso mehr kommentiert wird, je kontroverser das Thema ist. Aber das ist ein eindimensionaler Vorgang: Der Journalist schreibt und der Leser darf kommentieren. Wir streben da einen richtigen Austausch an.

 

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Fragen, Fragen, Fragen sind zu klÀren. Quelle: www.sueddeutsche.de

 

Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen? Wie viele Leser beteiligen sich an den Diskussionen und Abstimmungen ĂŒber die Themen?

Jaschensky: Bei den Abstimmungen bewegen sich die Teilnehmerzahlen zwischen 5.000 und 8.000. Dazu bekommen wir wahnsinnig viele Mails und Kommentare auf Facebook, wo sich die Leute immer ad hoc beteiligen.

Das klingt nach enorm viel Arbeit, die ganzen Nachrichten zu lesen und zu verarbeiten. Wie viele Redakteure arbeiten an dem Projekt mit?

Jaschensky: Direkt beziffern kann man das nicht. Das kommt auf die Themen an. Bei dem Steuerthema waren rund 20 Redakteure beteiligt, die rund 30 Texte zu recherchieren und zu schreiben. Die kĂŒmmern sich in den sechs Wochen, die ein Thema aufzuarbeiten dauert, aber auch um ihr TagesgeschĂ€ft.

Deutlich besseres Leserinteresse als bei Schema F

Von den Themen, die Sie bisher bearbeitet haben: Welche Themen bekommen die meiste Resonanz?

Jaschensky: Die drei Themen, die wir bisher gemacht haben: Steuergerechtigkeit, Bildung und das Sonderprojekt „Agenda 2017“ sind alle auf ein sehr großes Leserinteresse gestoßen. Deutlich besser, als der Durchschnitt der Seite. Beispielsweise war der Bericht unseres Schweden-Korrespondenten der meistgelesene Text der Woche. Da ging es darum, wie leicht es geht, in Schweden die SteuererklĂ€rung auszufĂŒllen.

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Videos, interaktive Grafiken, 30 Texte. Ob Steuern oder Bildung – die Recherche vertieft Themenkomplexe und löst sie in verschiedene hintergrĂŒndige Blickwinkel auf. Mit großer Sicherheit ist das Projekt ein AnwĂ€rter auf einen Journalistenpreis. Quelle: www.sueddeutsche.de

Erleichtert Ihnen der Dialog mit Ihren Lesern immer die Themenauswahl?

Jaschensky: Manchmal wird sie dadurch auch schwieriger.

Wieso das denn?

Jaschensky: Man hat es sich gerne leicht gemacht und nach Schema F gearbeitet. Aber in dem Moment, in dem man Leser stĂ€rker einbindet, wird man dazu gezwungen, darĂŒber nachzudenken, ob Schema F das richtige ist. Das ist gut. Denn manchmal kommt man dadurch auf bessere EinfĂ€lle. Das ist so ein Kreativmoment.

Wer sind die Leser, die bei den Themen mitarbeiten. Wie alt sind sie? Welche Berufsgruppen lassen sich erkennen? Welche Lesergruppen bringen sich am stÀrksten ein?

Jaschensky: Wir verlangen von unseren Lesern nicht, dass sie sich zu ihrer Person outen. Aber es melden sich immer wieder Leute zu den Themen, die sich als Experten herausstellen, weil sie den Beruf ausĂŒben, um den es gerade geht und die Expertise haben, die gerade gefragt ist.

Unter den Kommentaren zu Online-Artikeln gibt ja teilweise große qualitative Schwankungen: Manche schreiben zum Thema. Andere schweifen ab. Es entwickeln sich persönliche Diskussionen zwischen den Lesern. Wie ist das bei „Die Recherche“?

Jaschensky: Von solchen Trollen, wie man es an manchen Stellen liest, sind wir zum GlĂŒck weit entfernt, weil jeder Kommentar von uns gelesen wird, bevor er freigegeben wird und auf der Webseite erscheint. Der Sinn von „Die Recherche“ ist ja auch, den Leser als Partner zu sehen, von dem man als Journalist auch viel lernen kann.

Die Leser ernst nehmen und lernen

Zum Start des Projekts hieß es, es sollte nur ein paar Monate lang laufen. Wie ist die Planung jetzt? Wird das Projekt fortgefĂŒhrt?

Jaschensky: Am Anfang war uns noch gar nicht klar, was auf uns zukommt. Wir wussten nicht, ob das ĂŒberhaupt so funktioniert, wie wir das gedacht hatten. Bisher hatten wir sehr positive RĂŒckmeldungen und auch viel gelernt. Erstmal machen wir Pause. Im Januar geht es weiter. Wenn jemand ein Thema vorschlagen möchte: Unser Angebot steht auch Kollegen offen, die sich einbringen möchten.

Was ist Ihr Fazit aus den vergangenen sechs Monaten im Umgang mit Lesern. Was muss man beachten, wenn man sie stÀrker in den Redaktionsablauf einbeziehen will?

Jaschensky: Vor allem muss man seine Leser ernst nehmen und ehrlich zu ihnen sein. Je ernster man sie nimmt und je ehrlicher man mit ihnen umgeht, desto stÀrker wird das honoriert.

Zur Person:
Wolfgang Jaschensky, Jahrgang 1980, Homepage-Chef und zustĂ€ndig fĂŒr innovative Digitalprojekte von Datenjournalismus bis zu interaktiven Formaten. Der gebĂŒrtige AllgĂ€uer hat das Handwerk erst bei der AllgĂ€uer Zeitung und dann an der Deutschen Journalistenschule gelernt. Er hat Politik, Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre studiert, nur um Diplom-Journalist zu werden. Gelebt hat er in MĂŒnchen, Berlin, Toronto und Buenos Aires und fĂŒr die SZ, die Berliner Zeitung, dpa, das Bayerische Fernsehen und andere Medien geschrieben und gedreht. Er reist so gerne durch die Welt, dass er gar nicht sagen kann, wo er es am schönsten findet.

Die Autorin:
Lydia Dartsch (29) ist seit April 2013 VolontĂ€rin bei Rheinneckarblog.de. Die studierte Anglistin und Politikwissenschaftlerin (Uni Mannheim) hat zuvor fĂŒr diverse Zeitungen geschrieben sowie fĂŒr Hörfunk und Fernsehen gearbeitet. Wenn Sie nicht in die Tasten greift, spielt sie Gitarre.