Bezahlschranke, Förderkreis, Spende - es funktioniert, wenn man dran arbeitet

Leser/innen sind bereit zu zahlen

Mannheim, 23. Januar 2018. (red/pro) Seit Oktober 2016 hat das Rheinneckarblog eine Bezahlschranke – das österreichische Startup Selectyo ist der Partner, der die Lösung dafĂŒr anbietet. Aber auch ein „Rheinneckarblogplus-Pass“ und Paypal bringen Einnahmen. Reichweite wurde nicht verloren. Und ein schier unglaubliches Experiment funktioniert nach ersten Erfahrungen erfolgreich: Das Regionalblog fordert erst Geld und liefert dann Leistung ab. 

Von Hardy Prothmann

Seit ich 1999 das Heddesheimblog gestartet habe, habe ich vermutlich jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Ich hatte keinen Businessplan. Schlimmer, ich hatte gar keinen Plan. Ich habe einfach vor mich hinexperimentiert und wahnsinnig viel gelernt. Beides: Experimentieren ist super, PlÀne auch.

Ich habe das Blog gestartet, weitere eröffnet, irgendwann waren es 13 Lokalblogs – viel zu viele fĂŒr ein kleines Team. Im Januar 2011 startete als letztes das Rheinneckarblog. Im Januar 2015 haben wir alle Lokalblogs dicht gemacht und seither nur auf dem Rheinneckarblog weiter ĂŒber die Orte in unserem Gebiet berichtet. Der Traffic ging dann auf eine Seite. Außerdem war da immer was Neues zu lesen, wĂ€hrend bei den Lokalblogs teils Tage keine Updates kamen, weil einfach nichts Berichtenswertes passiert war.

Gleichzeitig haben wir die Vermarktung vorangebracht. Nicht ĂŒber Traffic, sondern zum Festpreis. Das Ziel sind nicht einzelne Anzeigenbuchungen, sondern JahresvertrĂ€ge. Nach wie vor machen wir hier den Hauptteil des Umsatzes.

Aus Fehlern lernen

Bis Oktober 2016 hatten wir einen „Förderkreis“ – die Leserschaft konnte uns freiwillig Geld zahlen. Damit haben wir 5 Prozent des Umsatzes erreicht. Dann haben wir mit Selectyco eine Bezahlschranke eingefĂŒhrt und den nĂ€chsten Fehler gemacht: Auch „Förderer“, die zwischen 5 und 300 Euro individuell ĂŒberwiesen hatten, mussten plötzlich zahlen. Ohoh. Wir wollten niemanden verĂ€rgern. Die Lösung: Wir haben alle Förderer angeschrieben, ob der Förderbetrag weiter so bestehen bleiben soll und sie trotzdem zahlen oder ob sie abhĂ€ngig vom Förderbetrag ein „Abo“ haben wollten. 80 Prozent wollten keins, die anderen haben eins bekommen.

Doch die Zahl neuerer Förderer ging zurĂŒck. Was tun? Mit Selectyco arbeiten wir gut zusammen, weil das Unternehmen gerne kooperiert und experimentiert. Unsere Idee: Wir bieten wieder eine „Fördersumme“ an und nennen das „Rheinneckarblogplus-Pass“. Ab mindestens 60 Euro können fĂŒr ein Jahr alle bepreisen Artikel gelesen werden. Der Leser zahlt an uns, Selectyco behĂ€lt eine GebĂŒhr ein und schaltet frei. Das Ergebnis: Die Zahlen stiegen wieder. ZunĂ€chst schwunghaft, seitdem kontinuierlich. Zwar nicht in rauen Mengen, aber es geht voran.

Dann kamen Unternehmen und Behörden – das nĂ€chste Problem, was wir nicht bedacht haben. Diese nutzen uns beruflich, konnten aber nur als Privatkunden ĂŒber Selectyco an die Artikel herankommen, auf eigene Rechnung fĂŒr Ausgaben, die eigentlich der Arbeitgeber tragen soll. Die Lösung: Diese Kunden melden die Mitarbeiter, die Zugang haben sollen. Pro Mitarbeiter wird ein nach Zahl der ZugĂ€nge gestaffelter Betrag mit monatlicher Rechnung an Selectyco gezahlt. Von dort kommt eine Rechnung, die als Betriebsausgabe steuerlich geltend gemacht werden kann.

Aktuell erzielen wir mit Selectyco einen mittleren dreistelligen Betrag monatlich – kontinuierlich steigend.

1.600 Euro Lesergeld fĂŒr einen einzelnen Text

Wir weisen insbesondere bei Themen, von denen wir wissen, dass sie gut gehen oder in denen viel Arbeit steckt, immer wieder im Text auf die Bezahlmöglichkeiten hin. Manche, die uns nicht leiden können, nennen das „betteln“, wir nennen es Marketing. Auch die Schokolade im Supermarkt signalisiert: Kauf mich. Im Supermarkt weiß man, dass man bezahlen muss – im Internet mĂŒssen das viele noch lernen.

Der absolute Hammer war ein Text im Dezember: „Ein Richter am Rande des Nervenzusammenbruchs“. Wir wussten: Der Text geht. Vor Gericht mussten sich sechs heranwachsende SchlĂ€ger verantworten, der Prozess musste durch die Polizei geschĂŒtzt werden. Wir haben unsere ĂŒblichen Hinweis auf Bezahlmöglichkeiten gegeben, darunter auch Paypal. Das Ergebnis: Über 1.600 Euro fĂŒr einen Text – von kleinen BeitrĂ€ge bis hin zu 300 Euro. Die „Rheinneckarblog-Plus“-Inhaber haben eifrig gelesen, es gab viele Einzelzahlungen ĂŒber Selectyco – und zwar freiwillig. Wir haben den Text offen gehalten, aber gebeten, ĂŒber den Selectyco-Button zu bezahlen, wenn man zufrieden mit der QualitĂ€t der Berichterstattung war.

Der Text ist deutlich besser bezahlt worden als alle „abgeschlossenen“ Artikel zuvor. Wow!

Lernphase

Machen wir das jetzt immer so? Nein. TatsĂ€chlich experimentieren wir: Wir schließen Texte ab, wir lassen sie offen, manchmal fĂŒr kurze Zeit, manchmal lĂ€nger. Und wir versuchen das Verhalten der Nutzer zu erlernen. Wann wird fĂŒr was gezahlt?

In dieser Auseinandersetzung der Lernphase kam die Idee: Warum nicht erst Geld verlangen und dann die Leistung bringen? Das haben wir Anfang Oktober 2016 versucht: „Inhalte gegen Geld„. Wir wollten mindestens 160 Euro haben, bevor wir an die Arbeit gehen. Es hat zwei Monate gedauert, aber dann waren rund 220 Euro zusammen.

5. Oktober: 27 Zahlungen = 15,93 Euro
6. Oktober: 43 Zahlungen = 25,37 Euro
7. Oktober: 48 Zahlungen = 28,32 Euro
8. Oktober: 54 Zahlungen = 31,86 Euro
10. Oktober: 64 Zahlungen = 37,76 Euro
11. Oktober: 69 Zahlungen = 40,71 Euro
11. Oktober: Paypal = 20 Euro
12. Oktober: 73 Zahlungen = 43,07 Euro + 20 Euro = 63,07 Euro und damit noch 100 Euro vom Minimalzahl entfernt. Besten Dank bis hier an alle Zahler.
15. Oktober: 84 Zahlungen = 49,56 Euro
15. November: 123 Zahlungen = 72,57 Euro
16. November: 125 Zahlungen = 73,75 Euro
19. November: 25 Euro via Paypal = 98,75 Euro
25. November: 30 Euro via Paypal = 128,75 Euro
02. Dezember: 50 Euro via Paypal = 178,75 Euro

So ist der Zahlungsverlauf. Wir haben alle paar Tage geschaut, was an Zahlungen erfolgt ist und dann ZwischenstĂ€nde durchgegeben. Weitere Zahlungen folgten. „Experiment hat funktioniert

FĂŒr das Thema „Haben die Medien die AfD groß gemacht“, haben wir Ludwig Greven engagiert, Politikredakteur bei Zeit Online und freier Autor gegen gutes Honorar engagiert. Um zu zeigen, dass wir Einnahmen nicht nur „einsacken“, sondern auch in journalistische QualitĂ€t investieren, die nicht nur unsere eigene sein muss.

Zwei Versuche – zwei Treffer

Am Montag haben wir das Experiment wiederholt. Ein Thema wurde gestartet und dann mitten im Text abgebrochen:


FĂŒr heute habe ich keinen Bock mehr. Journalisten mĂŒssen auch mal schlafen.

Wenn Sie den Artikel zu Ende lesen wollen, motivieren Sie mich bitte. Sie zahlen 99 Cent dafĂŒr, dafĂŒr bekommen Sie nirgends einen Kaffee. Ein Kaffee mag ein wenig wach machen, unsere Infos machen seit vielen Jahren garantiert wach und erweitern Ihr Bewusstsein. Wenn bis Dienstag 18 Uhr rund 100 Euro zusammenkommen, gibt es die umfangreiche Story. Sonst nur Standard, der lohnt sich aber auch. (Stand, 21:46 Uhr: 125,39 Euro)


In nicht Mal 24 Stunden kam die Mindestsumme zusammen. Dieser Text wird, wenn fertig gestellt, abgeschlossen. Denn die zahlenden Nutzer haben ihn möglich gemacht, unsere Forderung erfĂŒllt. Wer nicht gezahlt hat, muss ihn zahlen, um ihn lesen zu können.

Basis fĂŒr diesen Erfolg ist klar der journalistische Inhalt. Wenn das Produkt ĂŒberzeugt, zahlen interessierte Menschen dafĂŒr. Und sogar im voraus 99 Cent fĂŒr einen Text, von dem sie QualitĂ€t erwarten. Es wurde per Selectyco und Paypal gezahlt.

Kann man das als erfolgreiches Modell etablieren? Wissen wir nicht, bevor wir es nicht weiter versucht haben. Bei einigen Texten lĂ€uft es nicht – warum, mĂŒssen wir lernen.

QualitĂ€t ĂŒberzeugt

Übrigens: Die Idee stammt aus der Erinnerung von vor knapp 30 Jahren an eine lokale Jazz-Kneipe“, die keine ist, sondern ein Gemeindezentrum. Dort werden bis heute Jazz-Konzerte angeboten. Das Publikum ist wegen der RaumgrĂ¶ĂŸe auf rund 90 Personen beschrĂ€nkt. Man erhĂ€lt GetrĂ€nke zu moderaten Preisen. Am Eingang steht ein Glaszylinder. Hier wirft nach den Konzerten jeder rein, was ihm der Abend wert war – der Zylinder ist immer voll und die Musiker kommen gerne, weil die Zylindergage wohl stimmt, abgesehen von der hohen QualitĂ€t der Musik.

Ich habe viele Ideen, wie man diese „Auftragsarbeiten“ ausweiten kann und dabei journalistisch unabhĂ€ngig bleibt. Entscheidend ist die Kommunikation mit der Leserschaft. Man muss sie von der Wertigkeit der Arbeit ĂŒberzeugen, dann zahlen sie gerne und einige auch mehr als großzĂŒgig.

Unterm Strich haben wir den Anteil von Einnahmen durch Leserzahlungen von 2015 mit fĂŒnf Prozent, auf 2016 mit acht Prozent und 2017 mit 16 Prozent steigern können. Nach den Zahlungen im Januar werden wir aufs Jahr hochgerechnet 25-30 Prozent erzielen.

Ebenfalls interessant: Pushen bis der Arzt kommt, ist fragwĂŒrdig. Im Dezember 2017 hatten wir im Jahresmittel nur die HĂ€lfte der sonst monatlich erscheinenden Texte, aber eine Verdopplung der Zugriffe. Warum? Weil wir einzelne Themen stark gemacht haben, statt nur möglichst viele Artikel zu veröffentlichen. Auch das werden wir verĂ€ndern. Reichweite ist wichtig, Relevanz ist wichtiger.

Fragen? chefredaktion (at) rheinneckarblog.de

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.